„Rückkehr nach Birkenau – Wie ich überlebt habe“ von Ginette Kolinka

„Rückkehr nach Birkenau“ : Wer nur noch an Hunger denkt

Ginette Kolinka überlebt den Holocaust. Erst mit 94 Jahren schreibt die Französin ihre Erfahrungen auf. „Rückkehr nach Birkenau“ ist ein erschütterndes, ein wichtiges Buch.

Ginette Kolinka sieht sich nicht als Heldin, nicht als jemand Besonderes. Sie möchte mit ihrer Geschichte niemanden behelligen. So sagt sie es selbst wörtlich. Jahrelang weiß nicht einmal ihr Ehemann, dass Ginette Kolinka 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. Von dieser Erfahrung berichtet eine der letzten Zeitzeuginnen des größten Verbrechens der Menschheit in dem Buch „Rückkehr nach Birkenau – Wie ich überlebt habe“, das an diesem Dienstag erscheint. Es ist ein wichtiges Zeitzeugnis, dessen Qualität man angesichts des Schreckens des Zweiten Weltkriegs und der Konzentrationslager kaum mit Adjektiven wie beeindruckend beschreiben möchte. Das, was man sich nicht vorstellen kann, beschreibt Kolinka eindrücklich, nüchtern und ehrlich. Sie berichtet davon, wie sie den Hunger, die Kälte, die Gewalt, die Entmenschlichung im Konzentrationslager überlebt hat.

Erst ganz naiv

Es ist Steven Spielberg zu verdanken, dass die 94-Jährige, die in Paris lebt, überhaupt angefangen hat zu erzählen. Der Regisseur sammelte für seinen Film „Schindlers Liste“ Augenzeugenberichte von Deportierten. Eines Tages klingelte also bei Kolinka das Telefon. Die bescheidene Französin glaubte auch da noch, dass sie nichts zu sagen habe. Glücklicherweise insistierte der Gesprächspartner am Telefon. „Zum ersten Mal bin ich gezwungen, daran zurückzudenken.“ Kolinka erzählt nicht nur den Rechercheuren Spielbergs von ihren grausamen Erfahrungen, sondern begleitet seit etwa 20 Jahren Schulklassen nach Auschwitz. Erst mit 94 Jahren aber schreibt Kolinka das Erlebte mit Hilfe der Journalistin Marion Ruggieri nieder. Kolinka wundert sich vor allem darüber, dass die Gymnasiasten etliche kluge Fragen stellen, aber nie welche nach dem Existenziellen. „Dabei ist das Lager purer Hunger. Ich glaube sogar, er ist das Einzige gewesen, woran ich gedacht habe.“

Kolinka war ein Teenager, als der Krieg ausbrach. Die Familie, rumänisch-französische Juden, lebte bis 1942 „recht unbehelligt“. Als sich in Paris die Lage für Juden zuspitzte, flohen Vater, Mutter und die Geschwister in den Süden, die freie Zone, und betrieben dort einen Marktstand. 1944 wurde Ginette mit ihrem Vater, ihrem Bruder und ihrem Neffen von der Polizei aufgegriffen und nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Die damals 19-Jährige konnte sich gar nicht vorstellen, was ihrer Familie drohte. Vor der Deportation schrieb Ginette an ihre Mutter und bat sie um Sonnencrème, Lockenwickler und Badeanzüge. Schließlich sei ja bald Sommer. „Ich war 19 und nicht die Allerhellste“, schreibt Kolinka rückblickend. Diese Sicht der Erwachsenen, die die Gedanken ihres jungen Ichs wiedergibt und einordnet, macht das Buch so vielschichtig.

„Rückkehr nach Birkenau – Wie ich überlebt habe“ von Ginette Kolinka, 128 Seiten, 18 Euro, Aufbau . Foto: Aufbau Verlag

Ginettes Unwissen hatte dramatische Folgen, als die Familie im Konzentrationslager ankam: Sobald Ginette hörte, dass es „für die Schwächsten“ Lastwagen gebe, rief sie ihrem Vater, ihrem Bruder und ihrem Neffen „in meiner Naivität, die für mich womöglich Rettung, für sie Verhängnis“ wurde, zu: „Papa, Gilbert, nehmt den Lastwagen!“ Das erspare ihnen wenigstens den Weg zu Fuß, dachte Ginette. Als die junde Frau selbst im Lager ankam, musste sie sich ausziehen, ihr Kopf wurde rasiert, man tätowierte ihr ihre Registriernummer ein. 78599. Ab dem ersten Tag fühlte sie sich nicht mehr als Mensch, am zweiten Tag hatte sie eine Überlebensstrategie entwickelt. „Ich beschließe, mich so klein wie möglich zu machen, nie aufzubegehren, alles zu akzeptieren.“

Dann brutal erniedrigt

Kolinka beschreibt eindrucksvoll die Zustände im Lager, zum Beispiel die nach Urin und Dreck stinkenden Baracken, den Kampf ums Essen. Anfangs schockierte sie das. Nach kurzer Zeit aber ging es nur um den Überlebenskampf, der keinen Raum für Sentimentalität ließ. „Später haben wir keine Zeit mehr, keinen Respekt mehr vor dem Tod: hier ein Arm, dort der herabhängende Kopf, ein Körper irgendwie .­.­.“

Ein kleiner Lichtblick ist das Geschenk einer Kameradin: Ein Kleid, das Kolinka etwas Menschlichkeit und Hoffnung zurückgibt. Diese Kameradin war niemand Geringeres als die spätere französische Politikerin und Ex-Gesundheitsministerin Simone Veil (1927-2017).

Kolinkas Buch vermittelt einem das Gefühl, als unterhielte man sich selbst mit ihr. Die Zeitzeugin beschreibt mal wütend, mal traurig, mal nachdenklich, was sie gesehen hat, ohne es intellektuell zu analysieren. Das Buch beginnt mit der Rückkehr nach Birkenau, das auf sie wie eine Kulisse wirkt, springt zurück zur Deportation, dann in die Kindheit, zurück ins Lager, zu der Befreiung und zu ihrem glücklichen, „normalen“ Leben. Diese Fragmente ergeben das Bild einer bescheidenen, zutiefst menschlichen Frau. „Ich hoffe, Sie denken wenigstens nicht, dass ich übertrieben habe?“, fragt sie am Ende des Buches. Gerade weil sie glaubte, nichts zu sagen zu haben, müsste Kolinka noch mehr gehört werden.