Roman „Wo wir waren“ von Norbert Zähringen

Anrührender Roman : Hardy und wie er die Welt sieht

In Norbert Zähringers anrührendem Roman „Wo wir waren“ bricht ein kleiner Junge aus dem Kinderheim aus. Zur gleichen Zeit betritt Neil Armstrong die Mondoberfläche.

Gäbe es ein Weltereignis, das aus der Vielzahl von herausragenden Weltereignissen hervorsticht, dann ist es der 21. Juli 1969. Um 9.45 betritt der Astronaut Neil Armstrong als erster Mensch die Oberfläche des Mondes. Seine legendären Worte werden in die Geschichte eingehen wie das Ereignis selbst. „That’s one small step for a man, one giant leap for mankind!“ (Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit!)

Weltweit verfolgen rund 600 Millionen Menschen die Mondlandung live an den Fernsehgeräten. In Amerika ist es noch Sonntagabend, der 20. Juli, 21.54 Uhr in Houston, als Armstrong den Erdtrabanten betritt. In Europa kündigt sich schon fast der Morgen an, es ist 3.54 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Und wo war man selbst in diesem Moment? War man überhaupt schon auf dieser Welt? Und wenn man schon da war, kann man sich heute noch erinnern an die Bilder von damals? Schlief man womöglich tief und fest?

Geschichte in großem Stil

Wenn in großem Stil Geschichte geschrieben wird, fragt sich wohl jeder, was er selbst tat in den Sekunden, Minuten, Stunden oder Tagen. Unweigerlich wird das große Ereignis auf eine kleine, sehr persönliche Ebene projiziert. Hardy Rohn ist gerade mal fünf Jahre alt, als Armstrong den entscheidenden Schritt auf den Mond macht.

Der ältere Hardy kann sich erstaunlich gut erinnern, auch für ihn sind die Ereignisse jener Nacht von besonderer Bedeutung. Gemeinsam mit einem älteren Kumpel bricht Hardy aus dem Kinderheim aus, in dem er lebt, seit seine Mutter zur zweifachen Mörderin wurde. Hardy nimmt die Ereignisse auf dem Mond allerdings nur am Rande wahr, er und ein Komplize schleichen sich an der verglasten Pförtnerloge vorbei, in der das wachhabende Heimpersonal gebannt auf den Fernseher schaut. Nur durch diese Ablenkung gelingt Hardy die Flucht. Die Nacht vom 20. Juli auf den 21. Juli 1969 verändert sein Leben grundlegend: Hardy schafft den Schritt in die Freiheit. Die Menschheit nimmt keine Notiz davon.

Norbert Zähringer: „Wo wir waren“, 512 Seiten, 25 Euro, Rowohlt. Foto: Rowohlt

Die allgemeine Ablenkung vieler Menschen in dieser besonders geschichtsträchtigen Nacht macht sich nicht nur Hardy, sondern auch dessen Mutter Martha zunutze. Sie, die kein Glück hat mit den Männern und eher unschuldig zur zweifachen Mörderin wurde, bricht in eben dieser Nacht aus dem Frauenzuchthaus aus, in dem sie lebenslänglich hätte einsitzen sollen. Ihr Sohn Hardy weiß nichts von der zeitgleichen Flucht der Mutter. Er weiß ja nicht einmal, dass seine Mutter Martha, die ihn nach den Morden zur Adoption freigeben musste, noch lebt.

Gleiches gilt für seinen leiblichen Vater, der sich noch vor Hardys Geburt aus dem Staub macht. Sein Name ist Jim, ein US-Soldat, der nach einer kurzen Liaison mit Martha das Weite sucht und sich schließlich im Vietnamkrieg wiederfindet. Plötzlich spielt der Roman mitten im vietnamesischen Dschungel zwischen Napalm und Vietcong, was alleine schon Beleg für die Bandbreite dieses bemerkenswerten Buches ist, das neben Südostasien noch im Rheingau, in Litauen und Amerika spielt und ein wenig an die Romanwelt von John Irving erinnert.

Lesevergnügen der Extraklasse

Überhaupt ist Zähringer ein gewaltiges Stück Literatur gelungen. Es mag ja sein, dass die Zeitsprünge und die Themenvielfalt in diesem Roman die Leserinnen und Leser extrem in Anspruch nehmen, sie vielleicht sogar ein wenig überfordern.

Doch wer sich auf die anspruchsvolle Reise mit Zähringer einlässt, der belohnt sich selbst mit einem Lesevergnügen der Extraklasse. Dieser Roman hat ganz sicher das Zeug zum deutschen Buchpreis! Und noch während man ihn liest, während man staunend die Seiten umblättert und sich fragt, wie jemand zu solcher Kunst im Stande ist, wundert man sich, wie hierzulande so mancher Roman in den vergangenen Jahren an die Spitze der Bestellerlisten schießen konnte, der so viel weniger gut ist wie dieser hier.

Zähringer erzählt eine verwegene Geschichte, die nichts zu schaffen hat mit den Befindlichkeiten einer sich selbst viel zu wichtig nehmenden deutschen Gegenwartsliteratur, wie wir sie etwa von Juli Zeh kennen. An dieser Prosa ist nichts anmaßend, sie nimmt sich selbst nicht wichtig, sondern kommt unbedarft daher.

Zähringers Roman nervt nicht mit moralischen Überzügen. Wenn man denn so will, ist das die intelligenteste Form von Unterhaltungsliteratur, was die Chance auf den Buchpreis eher mindert. Hier wird eine wundervolle Geschichte erzählt! Ein Leseabenteuer! Wir sind eingeladen, einzutauchen in die unendlichen Weiten eines Menschenlebens, in dem es turbulent zugeht. Anschnallen Pflicht!

Am 21. Juli jährt sich die Geschichte der ersten Mondlandung zum 50. Mal. Und wo waren Sie?

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