Roman „Winterbienen“ von Norbert Scheuer, C. H. Beck

„Winterbienen“ : Roman im halb realen, halb mystischen Eifelort Kall

Hat es den Bienenstock No. 9 wirklich gegeben? In dem – in einem geheimen Fach – die Hefte von Egidius Arimond und die Zeichnungen von dessen Bruder Alfons die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute überstanden haben? Um dann – Jahrzehnte später – beim Aufräumen einer Scheune in der Eifel wieder ans Tageslicht zu gelangen?

„Ich kann nicht garantieren, dass alle Ausführungen im Detail historisch belegbar sind, aber wer weiß schon, was an den Geschichten, die wir uns erzählen, wahr ist oder nur erfunden“, schreibt Norbert Scheuer in der Danksagung zu seinem neuen Roman „Winterbienen“. Und er tut das nicht ohne Augenzwinkern.

Denn auch dieses Buch ist – wie schon so viele zuvor – in einem halb realen, halb mystischen Kall verortet. Hier, am Rand der Nordeifel, im Dreieck zwischen Köln, Aachen und Trier, lebt im Winter 1944 besagter Egidius Arimond auf dem Hof, den er von seinen Eltern geerbt hat. Einst war er Lehrer am örtlichen Gymnasium. Seine Stelle, so erfährt man später, verlor er, weil er Epileptiker ist. Von den Nazis für „unwert“ befunden, wird er zwangssterilisiert und entgeht nur deshalb der Euthanasie, weil Bruder Alfons ein Fliegerheld des Dritten Reiches ist. Wie schon der Vater ist Egidius Imker; seinen Lebensunterhalt bestreitet er, indem er Honigprodukte verkauft oder tauscht. Aber Egidius führt ein Doppelleben.

„Das sei doch der, der während des Krieges Juden gerettet habe, den kenne doch jeder hier“, erfährt der Autor im Kaller Supermarkt. Nachdem ihm dort jemand die wiedergefundenen Aufzeichnungen übergeben hat. Angeblich. Dass die beigefügten (und im Buch abgedruckten) Bleistiftzeichnungen des Bruders, die britische, deutsche und amerikanische Flugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg zeigen, tatsächlich von Norbert Scheuers Sohn Erasmus stammen, untergräbt die vorgebliche Authentizität.

Umso wahrhaftiger indes wirken die Tagebucheinträge, die zwischen dem 3. Januar 1944 und dem 18. Mai 1945 entstanden. Scheuer zeichnet darin ein sorgfältig recherchiertes Bild eines Landstrichs, der lange Zeit unberührt vom Kriegsgeschehen blieb, bis am Ende auch dort Tod und Zerstörung Einzug halten. Aber auch die Natur nimmt einen breiten Raum ein, die Schilderung der Jahreszeiten, die Aufzucht und Hege der Bienen, die eng damit einhergeht. Egidius Arimond lässt sich auf gefährliche Liebschaften ein, gibt unentgeltlich Lateinunterricht in der örtlichen Bibliothek und bringt jüdische Flüchtlinge in Bienenkorb-Attrappen über die belgische Grenze. Wie er das macht und welche Risiken er dabei eingeht, verleiht den ohnehin ungemein farbigen und lebendigen Schilderungen den Reiz eines Krimis. Man zittert mit diesem Helden.

Und man leidet mit ihm. Wenn die Epilepsie-Medikamente immer schwerer zu beschaffen sind und die Abstände zwischen den Anfällen immer kürzer werden. Parallel dazu erzählt Scheuer die Geschichte von Arimonds Urahn Ambrosius, einem Benediktinermönch aus dem Jahr 1489. Hineingemischt sind Briefe des Fliegerbruders und Erinnerungen des Helden an Aufenthalte in Paris und in Ägypten.

Ein wunderbares Buch über den Duft der Frauen, den Duft des Honigs und das Schicksal eines Mannes, der, so wie die Winterbienen, das Überleben seiner Artgenossen sichert, sie nährt, wärmt und schützt. Auch wenn er dafür, um selbst zu überleben, Geld nehmen muss.

(sus)
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