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Roman „Wer hat meinen Vater umgebracht“ von Édouard Louis überzeugt

Shooting-Star Édouard Louis : „Wer hat meinen Vater umgebracht“ überzeugt mit vorwurfsvollem Pathos

Seine bisherigen Romane sind Bestseller. Universitäten engagieren ihn für Gastdozenturen. Aus den Büchern entstandene Stücke füllen Theatersäle. Seine Stimme ist aus dem Gesellschaftsdiskurs in Frankreich nicht mehr wegzudenken. Ohne Zweifel: Édouard Louis ist mit gerade einmal Mitte 20 ein Shooting-Star. Auch in Deutschland.

Kaum eine Story über den jungen Autor kommt ohne dessen Aufstieg aus der Arbeiterklasse in die Höhen der Kulturnation Frankreich aus, zumal er selbst in seinen Texten immer wieder die Flucht aus der eigenen Herkunft in den Mittelpunkt setzt – so auch in „Wer hat meinen Vater umgebracht“, einem knapp 80 Seiten langen Brief an das Oberhaupt seiner Familie, der nun auf Deutsch vorliegt.

Akt der Befreiung

Doch zunächst ein Blick zurück: Seinen Geburtsnamen Eddy Bellegueule legte der heute 26-Jährige am Ende seiner Jugend ab, als er die nordfranzösische Provinz verließ. Es war das äußere Zeichen der Abnabelung, die er in seinem hochgelobten Coming-of-Age-Roman „Das Ende von Eddy“ mitreißend als einen Akt der Befreiung erzählt.

Sein Debüt über das Heranwachsen als homosexueller Junge auf dem Dorf wurde zur Weltsensation, doch zog er den zeitweisen Bruch mit der eigenen Familie nach sich. Denn neben der erfahrenen Gewalt und Diskriminierung filetiert Louis genauso brutal die Engstirnigkeit seines ärmlichen, homophoben Elternhauses und dessen Milieus heraus.

Ein zorniger junger Mann: der französische Schriftsteller Édouard Louis. Foto: imago/Sven Simon/Elmar Kremser/SVEN SIMON

Nach langer Zeit näherte er sich seinen Verwandten wieder an. Davon zeugt das neue Buch. Es ist eine Abrechnung: im Kleinen mit dem Vater und dessen Fetischierung der Maskulinität. Und im Großen mit der Republik, die den Alten mit seinen kaum mehr als 50 Jahren gebrochen hat – sowohl körperlich als auch sozial. „Du warst ebenso Opfer der Gewalt, die du ausübtest, wie derjenigen, der du ausgesetzt warst“, schreibt Louis. Der Schock über den väterlichen Zustand nach einem Arbeitsunfall mündet in einem Brandbrief gegen die Politik, die die Arbeiterschaft nicht mehr in die Gesellschaft zu integrieren vermag.

Mit solchen Ansichten hat sich der Autor längst hineinmanövriert in den Aufruhr in Frankreich, mit dem sich seit Wochen Zehntausende „Gelbwesten“ Gehör verschaffen. Er steht auf der Seite der Protestierenden. „Die Gewalt und die Zerstörungen machen der herrschenden Klasse Angst“, sagt Louis jüngst dem Magazin „Republik“. „Sie teilen endlich die Erfahrung, die das Leben von so vielen Menschen permanent beherrscht.“ Er ist einer jener Linksintellektuellen, die in Fragen der sozialen Gerechtigkeit die Arbeiterschicht nicht den Rechtspopulisten überlassen möchten.

Dieses Pathos hält auch in „Wer hat meinen Vater umgebracht“ Einzug. Verloren gegangen ist dabei aber jene Nüchternheit, mit der er bei den Roman-Vorgängern trotz ihrer Nähe zur eigenen Biografie Abstand zum Thema wahrte. So wählte Louis etwa für seinen Zweitling „Im Herzen der Gewalt“ eine fein ausgeklügelte Erzähltechnik, um die Brutalität zu zeigen, die ein Mensch einem anderen antun kann: Vergewaltigung, Mordversuch, gefolgt von Vorurteilen und Rassismus.

Édouard Louis: „Wer hat meinen Vater umgebracht“ 80 Seiten, 16 Euro, S. Fischer . Foto: dpa/-

Im neuen Buch brechen sich hingegen Schuldvorwürfe inbrünstig Bahn. „Du wusstest, dass Politik für dich eine Frage von Leben und Tod bedeutete“, schreibt er an einer Stelle dem Vater – und zugleich auch den Herrschenden. Beim Lesen ist es wie mit einem stark überlasteten Knochen: Mit der Zeit kommt es zum Ermüdungsbruch. Sprachlich changiert der Franzose zwischen dem vorwurfsvollen „J‘accuse“ eines Émile Zola und der Warmherzigkeit eines „Brief an D.“ von André Gorz.

Ganz hervorragend allerdings erzählt Louis diese entwaffnenden Szenen seiner Kindheit, den Vater in seiner ganzen Zwiespältigkeit. „Ich wusste, dass ich dich liebe, aber ich hatte das Bedürfnis, den anderen gegenüber zu behaupten, ich würde dich hassen“, schreibt er. Vater und Sohn zwischen Nähe und Abscheu. Es ist ein klassisches, ein starkes literarisches Motiv. Da hätte es das explizite Gesellschaftsplädoyer eigentlich gar nicht gebraucht.