Roman „Nichts weniger als ein Wunder“ von Markus Zusak

Roman von Markus Zusak : Jeder hat sein Päckchen zu tragen

Viele werden sich vielleicht noch daran erinnern, wie sie sich durch die ersten Kapitel von „Harry Potter und der Stein der Weisen“ durchgequält haben, bis die Geschichte endlich Fahrt aufnahm. Ganz ähnlich ergeht es einem mit „Nichts weniger als ein Wunder“. Die ersten Kapitel erscheinen unzusammenhängend und wirr.

Es gibt unerklärte Zeitsprünge, plötzlich auftauchende Personen, merkwürdige Verhaltensweisen und Andeutungen, die mehr Fragen als Antworten aufwerfen. So wird direkt im ersten Kapitel immer wieder vom Eintreffen eines „Mörders“ gesprochen, ohne dass erklärt würde, wer ermordet wurde und um wen es sich dabei handeln könnte. Zumal der „Mörder“ zunächst nicht sonderlich furchteinflößend daherkommt.

Doch hat man die ersten Kapitel geschafft, entspinnt sich eine rührende wie tragische Familiengeschichte. Fünf Brüder leben gemeinsam in einem Haus in Australien nach ihren eigenen Regeln. Die Mutter ist tot, der Vater weggegangen. Sie suchen einen Weg, um mit der Vergangenheit, der Gegenwart und mit ihrer Zukunft klarzukommen. Sie prügeln sich, vertragen sich, trauern, lieben und hassen. Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Bis der Vater vor der Tür steht und jemanden sucht, der mit ihm eine Brücke baut. Plötzlich platzen alte Wunden auf.

Die Erwartungen waren groß an den Autor des Bestsellers „Die Bücherdiebin“, Markus Zusak. Schon sein bekanntestes Werk zeichnete sich durch ein feines Spiel mit Worten und überraschende Wendungen aus. Und so lebt auch die Geschichte der fünf Dunbar-Brüder von anspruchsvollen Satzgefügen und einer ausgesprochen lyrischen Sprache. Ein paar Beispiele: „Selbst an einem Anfang muss jemand den Anfang machen, und an diesem Tag konnte das nur der Mörder sein.“ Oder: „Einer redete. Einer trainierte. Einer klammerte sich fest. Selbst der Hund gab alles.“ Oder auch die Kapitelbeschriftung, die sich stetig um ein Wort ergänzt aufbaut bis hin zu „Teil 8: Städte + Wasser + Übeltäter + Bögen + Geschichten + Überlebende + Brücken + Feuer“.

Was sich hinter diesen Schlagworten verbirgt, muss jeder Leser selbst herausfinden. Nur so viel sei gesagt: Das Ende lässt sich schwer vorhersehen. Wenn man es bis dahin geschafft hat.

(km)
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