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Roman „Lebenswerk – Über das Mutterwerden“ von Rachel Cusk

Elementare Frage in „Lebenswerk“ : Wenn aus einer Frau eine Mutter wird

Rachel Cusk geht in „Lebenswerk“ einer der elementarsten Fragen nach, was es nämlich bedeutet, sich von einer Frau in eine Mutter zu verwandeln.

„Lebenswerk“ ist im englischsprachigen Raum bereits 2001 erschienen, nun liegt es in der deutschen Übersetzung vor. Vielleicht kommt es ein paar Jahre zu spät, denn 2015 hat die Gesellschaft im Zuge der „Regretting Motherhood“-Debatte die negativen Seiten der Mutterschaft in der Gesellschaft breit erörtert. Cusk liefert dem Leser also keine neuen Erkenntnisse.

Allgemeingültig und aktuell bleibt die Beobachtung, dass Frauen aus biologischen Gründen, aber auch aufgrund gesellschaftlicher Traditionen eine gravierendere Veränderung ihres Lebens erfahren, wenn sie Mutter werden. „Während das Paar bis dahin im Zustand einer gewissen Ebenbürtigkeit existiert hat, lebt es nun in einem feudalistischen Verhältnis.“ Ein Abrutschen ins tiefe Patriarchat beobachtet die Autorin.

Cusk gelingt es, das Thema Schwangerschaft und Mutterschaft lustig und originell zu beschreiben. Die Regeln, Broschüren und Kurse, die ihr alle Welt während der Schwangerschaft nahelegen, empfindet sie als anstrengend. „Anscheinend wird die schwangere Frau in der englischsprachigen Welt strenger geführt als ein nordkoreanisches Cheerleaderteam.“ Mit Argwohn beschreibt die Amerikanerin, die in England lebt, dass es sich anfühle, als sei ihr Körper zum öffentlichen Raum geworden.

Das Buch ist sehr subjektiv, das betont Cusk und entschuldigt sich beinahe dafür. Als Romanautorin – unter anderem schrieb sie das hochgelobte Buch „Outline“ – missfalle ihr das „Ich“. Keinesfalls wolle sie erklären, wie Mutterschaft anzugehen sei, sondern nur ihre Erfahrungen teilen. Kein Ratgeber, sondern eher ein Tagebuch. Es reicht von der Schwangerschaft über die Geburt, Schlafprobleme und Koliken bis zum Lächeln und den ersten Schritten des Kindes. Angereichert wird das mit Textpassagen aus der Literatur, die thematisch passen; zum Beispiel Emma Bovarys Erfahrung der Mutterschaft.

Das Problem an dem Buch ist, dass Cusk ähnlich kapriziös wie Flauberts Madame Bovary wirkt. Die Autorin beklagt, dass sie sich und ihr gesamtes Leben den Bedürfnissen ihres Kindes unterordnen muss. Dass sie sich als Frau verliert, wenn sie eine gute Mutter sein will. Das Gefühl ist nachvollziehbar. Aber man muss es nicht unbedingt auf 200 Seiten lesen. Denn die Jammerei der Autorin ist an vielen Stellen redundant.

Dass sie keinen Schlaf bekommt, dass das Kind nicht schläft, dass sie Probleme beim Stillen hat, das wird immer und immer wieder erzählt. Da heutzutage jede Frau auch von Freundinnen mit Kindern hört, mit welchen Problemen sie sich rumschlagen, offenbart Cusk auf vielen Zeilen dann wenig Neues. Immerhin: Auf der achtletzten Seite fällt ihr etwas Positives am Muttersein auf. Der Zweck sei es, „den Stab des Lebens weiterzugeben“. 2001 war Cusks Werk vielleicht wichtig, heute nicht mehr. Trotz eines guten Sprachstils und interessanter Beobachtungen ist das Buch nicht unbedingt ein Muss.

(mgu)