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Roman „Lass uns von hier verschwinden“ von Julian Mars

„Lass uns von hier verschwinden“ : Mehr Coming-of-Age als Coming-Out

Felix hatte sich das mit dem Erwachsensein irgendwie einfacher und vor allem besser vorgestellt. „Im echten Leben passiert oft lange gar nichts. Und dann alles auf einmal.“ Das stellt Ich-Erzähler Felix gleich zu Beginn von „Lass uns von hier verschwinden“ fest.

Es ist der zweite Roman des Wahl-Berliners Julian Mars und äußerst lesenswert. Felix zieht von Hamburg nach Berlin, um die Welt zu erobern, verbringt aber die meiste Zeit im Bett oder auf dem Sofa, liest schnulzige Romane oder schaut irgendwas auf Netflix. Und ist todunglücklich, man könnte auch sagen depressiv. Leisten kann er sich das, weil er aus gutem Hause kommt. Die Familie voller Schrullen ist allerdings trotzdem keine aus dem Bilderbuch. Das Dahingammeln wird jäh von Felix’ bester Freundin Emilie unterbrochen. Mit einer Frage bringt sie sein Leben durcheinander. „Möchtest du der Vater meines Kindes werden?“, fragt die junge Frau ihren besten Freund, der nicht der biologische Vater ist und außerdem schwul.

Mit dem Schwulsein allerdings kann sich Felix nicht so richtig anfreunden, auch wenn er nun mal auf Männer steht. Emilie hält ihm das vor: „Du bist einfach nicht gut im Schwulsein. Und dass du genau jetzt in dieser Sekunde überlegst, ob du das vielleicht sogar als Kompliment auffassen sollst, ist der beste Beweis dafür.“ Ausgerechnet Felix soll nun aber für einen Bildungsverein arbeiten und an Schulen über Homosexualität sprechen.

Es geht zwar auch um die Identitätsfindung als Homosexueller, aber vielmehr allgemein um die Frage: Wer bin ich? Insofern ist „Lass uns von hier verschwinden“ mehr Coming-of-Age- als Coming-Out-Roman. Das Buch besticht durch die skurrilen, aber nicht überdrehten Charaktere und durch den leicht sarkastischen und ironischen Humor. Julian Mars beschreibt ein wenig fantastisch und in jedem Fall amüsant und einfühlsam zugleich, wie schwer es ist, so etwas ähnliches wie erwachsen zu werden. Der Roman ist sehr süffig zu lesen. Wirklich wunderschön!

(mgu)