Roman „Flammenwand“ von Marlene Streeruwitz, S. Fischer.

Roman „Flammenwand“ : Kämpferisch und kritisch wie ein typisches Streeruwitz-Buch

Die Geschichte lässt sich kurz wiedergeben: Eine Frau und eine Mann werden ein Liebespaar. Sie leidet unter seiner Impotenz; dann stellt sich heraus, dass die nur vorgetäuscht war. Aber weil das eine Geschichte ist, die von Marlene Streeruwitz erzählt wird, bleibt es so einfach dann doch nicht.

Die 69-jährige Österreicherin gilt als eine der meinungsfreudigsten Autorinnen der deutschen Gegenwartsliteratur, die politisch Stellung bezieht und aus ihrer feministischen Grundhaltung nie ein Hehl gemacht hat.

Adele, die Hauptperson von Streeruwitz’ neuem Roman, ist 52 und von Beruf Sprachlehrerin, die Erwachsenen Deutsch beibringt und an der Uni Kurse gibt. Ihren Nachnamen – Süttner – erfährt man auf Seite 367. Seit knapp einem Jahr ist Adele, die Wienerin, mit Gustav, einem Sondersteuerfahnder des Finanzamts in Berlin, zusammen. Um mit ihm zu leben, hat sie ein „Sabbatjahr“ eingelegt.

Der Umzug von Wien nach Berlin gestaltet sich schwierig. Als der Roman einsetzt, befindet sich das Paar in Stockholm, wo Gustav Jacobsen an einer Tagung teilnimmt. Sie teilen sich eine (zu) kleine Wohnung. Die allmorgendlichen Akte der manuellen Befriedigung, die Gustav ihr zuteil werden lässt, deprimieren Adele. Dadurch, dass er ihr verwehrt, was sie begehrt, fühlt sie sich als Frau an seiner Seite zunehmend unattraktiv.

Was in 91 datierten Einträgen wie ein Tagebuch daherkommt, mit wechselnden Ortsmarken, darunter Stockholm, Wien und Berlin, Ulm, München oder Paris oder unterwegs in Zügen dazwischen, erzählt im Grunde aber nur einen einzigen Tag. Adele rutscht, stolpert und gleitet durch die eisige schwedische Hauptstadt, sie sucht bewusst bestimmte Orte aus wie Cafés oder Kirchen, landet aber auch rein zufällig in anderen, wie in einem Fitnesscenter. Dadurch, dass sie sich mit bunt bedrucktem Kopftuch und Rock optisch in eine Roma-Frau verwandelt, erregt sie Argwohn und weckt Fremdenangst.

Währenddessen erinnert sich Adele an den Beginn ihrer Gustav-Beziehung, an ihre „Nazi-Familie“, an ihre Jugend, ihre Ehen, den Aufklärungsunterricht in der Schule, ein ungeborenes Kind und an Gespräche über Scheidentrockenheit mit Freundinnen. Der Tod des Bruders, der Tod der Eltern, die politische Situation in Österreich und in Deutschland, Gustavs Lüge, sein Verrat, sein Machtmenschentum und seine Homophobie – alles untergemengt und wieder aufgewühlt in einem überbordenden Bewusstseinsmahlstrom.

Gewidmet ist der Roman einer anderen Adele: Adèle Hugo (1830-1915), der jüngsten Tochter des berühmten Schriftstellers, die sich in eine unerwiderte Liebe hineinsteigerte und schizophren wurde. Nimmt man dann noch den Titel mit seinem Bezug auf Dantes „Göttliche Komödie“ (im Purgatorio müssen die Lüsternen eine gewaltige Flammenwand überwinden, um Läuterung zu erfahren) ist das eine Menge Holz für gut 400 Seiten. Der Anhang, in dem Streeruwitz passend zu den Daten im Roman vom 19. März bis zum 9. Oktober 2018 politische Ereignisse anmerkt, setzt zusätzlich noch einen drauf.

Ein typisches Streeruwitz-Buch: kämpferisch, kritisch, überbordend, ambitioniert, aber auch sehr sperrig. Wer Unterhaltungsliteratur lesen will, sollte zu anderer Lektüre greifen. Wer Freude daran hat, Bezüge bis hin zu Schnitzler („Leutnant Gustl“) auszumachen, ist mit diesem Roman gut beraten. Und sollte ihn gleich mehrfach lesen.

(sus)
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