Roman „Dort Dort“ von Tommy Orange, 284 Seiten, 22 Euro, Hanser

Roman „Dort Dort“ : Erlebnisse von einem guten Dutzend Menschen

Schriftsteller indianischer Herkunft haben in den vergangenen Jahrzehnten einen festen Platz in der amerikanischen Literaturszene erreicht. Ihnen ist gemein, dass die Figuren ihrer Romane sich mit dem Konflikt zwischen ihrer traditionellen Kultur und der amerikanischen Mainstream-Kultur auseinandersetzen müssen.

Der 37-jährige Tommy Orange geht in seinem Debütroman „Dort Dort“ anders an seine Figuren und ihre Lebenssituation heran. Bevor die Romanhandlung einsetzt, präsentiert Orange seinen Lesern allerdings erst einmal einen bemerkenswerten Schnelldurchgang durch 500 Jahre tragischer Geschichte. Nicht einmal zehn Seiten braucht er, um in kurzen, prägnanten Abschnitten die Zerstörung der kulturellen Identität seines Volkes anzuklagen.

Ausgerechnet Oakland hat Orange zum Schauplatz seines Romans gemacht. Sicherlich auch, weil er selbst in der kalifornischen Großstadt aufgewachsen ist. Und dabei die Erfahrung gemacht hat, wie es ist, als Indianer ohne Bindungen zur Tradition aufzuwachsen, genauso, wie es die Figuren in seinem Roman schmerzlich erleben.

Der Roman verfolgt die Erlebnisse von einem guten Dutzend Menschen, die teils unabhängig voneinander, teils gemeinsam versuchen, in einer Gegenwart klar zu kommen, die ihnen nichts zu bieten hat. Aber ihnen allen ist mehr oder weniger deutlich bewusst, dass ihr kulturelles Erbe bedeutsam ist. Da ist Opal, der sich um die Enkel seiner Halbschwester kümmert. Das sind ein Filmemacher oder ein Internet-Abhängiger, die sich mit vielen Schwierigkeiten durchs Leben schlagen. Für sie alle ist das Powwow, ein großes indianisches Fest, das Ziel, das sie verbindet. Dort treffen dann auch alle in einem Showdown aufeinander, das Orange wie einen schnell geschnittenen Film präsentiert.

Tommy Orange erzählt die Geschichten in „Dort Dort“ mit einer bemerkenswerten Bandbreite stilistischer Mittel. Und er betont, dass es ihm ebenso geht wie seinen Figuren: „Es ist ein Kampf gewesen, um an einen Ort zu gelangen an dem ich mich selbst als Indianer begreifen kann.“ Auch manche der Figuren in diesem meisterhaft erzählten Roman sind auf dem Weg dorthin.

(axk)
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