Roman „Das Licht ist hier viel heller“ von Mareike Fallwickl

Roman „Das Licht ist hier viel heller“ : Das Leben in all seinen Facetten

Mareike Fallwickls zweiter Roman „Das Licht ist hier viel heller“ trifft die Seele mit voller Wucht. Er handelt von Liebe, Macht, Vergewaltigung und dem Erwachsenwerden.

Bücher, die dem feministischen Zeitgeist entsprechen, werden ohnehin abgefeiert – ganz gleich, ob sie etwas taugen. So oder so ähnlich lautet zugespitzt eine These in der aktuellen Debatte darüber, was denn nun eigentlich (gute) Literatur ist. Es könnte passieren, dass Mareike Fallwickls neuer Roman „Das Licht ist hier viel heller“ vom ein oder anderen Kritiker auch in diese Schublade bugsiert wird.

Zu Unrecht; allein schon, weil diese Debatte eine fragwürdige ist. Aber darum soll es hier nicht gehen. Nein, diese Rezension wird Fallwickls zweiten Roman ganz ausdrücklich abfeiern. Fallwickl gelingt ein kurzweiliges, rührendes, komisches, kluges Buch. Es trifft die Seele mit voller Wucht, weil es zeigt, wie fragil das Miteinander ist, wie leichtfertig Menschen sich gegenseitig verletzen.

Ja, „Das Licht ist hier viel heller“ steht im Zeichen des aktuellen Geschehens, es spielt zur Zeit des Skandals um den US-Regisseur Harvey Weinstein und der „Me Too“-Debatte. In dem Roman der österreichischen Autorin und Kolumnistin wird eine Frau vergewaltigt, eine andere belästigt und beinahe vergewaltigt. Es geht um die Grenzen zwischen Männern und Frauen, ums Neinsagen und darum, wie Opfer sich fühlen, wenn sie nicht ernstgenommen werden. Und es geht um alte weiße Männer, die nach der „Me Too“-Debatte gelernt haben, was sie nicht mehr sagen und machen sollten, die aber noch lange nicht immer verstehen, warum das so ist.

Scheinwelten und Liebe

Fallwickl beschreibt aber so viel mehr. Das Buch handelt von Liebe, Freundschaften, Eltern-Kind-Beziehungen, vom Kennenlernen in Zeiten von Tinder, von Selbstdarstellung im Netz und Schweinwelten, vom Literaturbetrieb, von Authentizität, (weiblicher) Selbstbestimmung und vom Erwachsenwerden allgemein. Eben das Leben in all seinen Facetten.

Im Fokus steht der etwas abgehalfterte Autor Maximilian Wenger, der von seiner Frau wegen etlicher Affären (Frauen sind für ihn „Einladungen“) verlassen wurde, nun in einer Junggesellenbude in der Nähe von Salzburg vor sich hin vegetiert und eine Schreibblockade kultiviert. Das einstige Enfant terrible ärgert sich über das neuerliche Single-Dasein, denn „ohne Frau steht ein Mann schön blöd da. Nicht nur wegen der Grundbedürfnisse wie essen und vögeln.“ Seine Kinder sind für den Macho immer eher „Nebenfiguren in einem Roman“ gewesen.

Mareike Fallwickl: „Das Licht ist hier viel heller“, 384 Seiten, 24 Euro, Frankfurter Verlagsgesellschaft. Foto: Verlag

Die Kapitel, die aus der Perspektive seiner Tochter Zoey geschrieben sind, verdeutlichen, was für ein Egozentriker Wenger ist. Zoey ist die heimliche Heldin dieses Buches. Sie sagt Dinge wie „Was die Menschen mit sich tragen, das wissen wir nicht, und deshalb sollten wir sanft zu ihnen sein“ – was eigentlich ein bisschen zu klug für eine 18-Jährige ist. Zoey macht gerade das Abitur, ist mit Stefan zusammen, aber in ihren besten Freund Jonathan verliebt. „... in meinem Magen winden sich einhunderttausend Zitteraale. Schmetterlinge sind ein Scheiß dagegen“. Ihr Bruder Spin und Zoey sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Nicht nur Wenger ist ein mieser Vater, auch die Mutter ist egozentrisch. Das schweißt zusammen. Mutter Trixie hat sich ein Instagram-Imperium aufgebaut und postet mit Vorliebe gesundes Essen oder Sportübungen im Netz. Trixie gefällt es dementsprechend gar nicht, als Rebellin Zoey sich ihre blonden Locken abschneidet und sich dem Püppchen-Dasein verweigert. Zoey aber will ein Leben führen, das losgelöst ist von Bewertungen wie „schön“ und „hässlich“.

Die dritte Erzählerin in dem Buch ist eine Unbekannte. Sie schreibt Briefe an ihren Geliebten, der früher in Wengers Wohnung lebte. Sie berichtet von einer Vergewaltigung und von ihrem Ärger darüber, dass der Adressat sie nicht unterstützt hat. Kennengelernt haben sich Wengers Vormieter und die Briefschreiberin, eine Buchhändlerin, über ihre Liebe zu Büchern. Ja, auch um Literatur geht es in dem Roman häufig.

Zoey wird selbst beinahe vergewaltigt und spürt eine Verbindung zu der Briefschreiberin. Wenger hat weniger Mitgefühl, erkennt aber das Potenzial der Briefe – und bedient sich ungeniert am Inhalt. Schreibblockade ade.

Das Feuilleton war von Fallwickls erstem Roman „Dunkelgrün fast schwarz“ nicht übermäßig begeistert. Es war dennoch ein Bestseller, für den Österreichischen Buchpreis und als Lieblingsbuch der Buchhändler nominiert. Sie wolle zu „groß“ sein, so die Kritik. Bei der Fülle an Themen im neuen Roman könnte man ihr das erneut vorwerfen. Allein: Die Geschichte und die Figuren sind schlüssig. Die lockere Schreibe, die ironischen Sprüche bringen den Leser zum Lachen, die männlichen Übergriffe machen wütend. Dass sich Spin und Zoey doch nichts weiter als Liebe von ihren Eltern wünschen, rührt zu Tränen, dass sie sich trotz aller Rückschläge weigern, kaputte Menschen zu werden, macht Hoffnung. Also: unbedingt lesen!

Mehr von Aachener Zeitung