„Der Ursprung der Welt“: Reise in einen persönlichen Alptraum

„Der Ursprung der Welt“ : Reise in einen persönlichen Alptraum

Schreibende Schauspieler gibt es zuhauf. Ulrich Tukur („Tatort“ Wiesbaden, „Das Leben der Anderen“) ist sogar Wiederholungstäter. Nach seiner Novelle „Die Spieluhr“ hat er jetzt seinen ersten Roman veröffentlicht.

In „Der Ursprung der Welt“ zeigt er allerdings leider, dass ein Weltklasse-Schauspieler nicht unbedingt automatisch ein Weltklasse-Autor sein muss.

Tukur erzählt darin eine Geschichte, die angestrengt und teils kafkaesk anmutend nach großer Literatur klingen will, aber doch eher verwirrend geraten ist: Im Jahr 2033 – symbolträchtige 100 Jahre, nachdem die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen – entdeckt Paul Goullet auf einem Flohmarkt in Paris ein altes Foto, das niemand geringeren zeigt als ihn selbst 90 Jahre zuvor. Das kann doch nicht sein, denkt er sich und macht sich auf die Reise nach Südfrankreich, um herauszufinden, was es mit diesem Mann, der ihm bis aufs Haar gleicht, auf sich hat.

Die europäische Gesellschaft der nahen Zukunft, die Tukur als Rahmen der Geschichte entwirft, ist eine dystopische. Und Schuld daran hat das Internet: „Ihn trieb auch die Frage um, wozu wir überhaupt noch eine Demokratie brauchen, wenn wir uns doch Schritt für Schritt selbst abschaffen, freiwillig mit Maschinen verbinden, um schließlich selbst welche zu werden?“, heißt es an einer Stelle im Buch. Goullet hatte „gleich nach seinem Schulabschluss die Verbindung zu dieser alles umschlingenden Krake, die sich das weltweite Netz nannte, gekappt“ und war so „allmählich fast unsichtbar geworden“.

Geheimnisvoller Brief

Während im nach der Flüchtlingskrise zerrissenen Deutschland vor-bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen, hat in Frankreich längst der Totalitarismus Einzug gehalten. Eine Frau, die Goullet im Zug einen geheimnisvollen Brief zusteckt, der ihn natürlich direkt in das Zentrum seiner Familiengeschichte führen soll, wird kurz danach festgenommen.

Schnell kommt Goullet dann auch mit einer Widerstandsbewegung in Kontakt und findet nebenbei noch die große Liebe. Außerdem findet er heraus, dass der Mann, dem er so gleicht, der brutale, frauenhassende, mordende Arzt Prosper Genoux war. Fieberhafte Visionen suchen Goullet immer wieder heim, die ihn in der Zeit zurückreisen und unmittelbar erleben lassen, was Genoux getan hat. „Der Ursprung der Welt“ bezieht sich dabei auf das gleichnamige Gemälde von Gustave Courbet, das wie ein Irrlicht durch den Roman geistert.

Schwülstige Sprache

„Es ist eine Reise in einen persönlichen Alptraum und nebenbei auch ein Buch über Widerstand gegen totalitäre Systeme der Zukunft im Spiegel der Vergangenheit“, hat Tukur selbst dazu in einem Interview gesagt. „Es ist eine ziemlich komplexe Geschichte.“ Und damit hat er durchaus Recht. Immer wieder springt der Roman hin und her zwischen zukünftiger Gegenwart und Vergangenheit. Immer wieder ist unklar, was Realität ist und was nur geträumt. Allerdings ist das eher anstrengend als anregend.

Allzu beliebig wirken die Rückblenden, zu unklar bleibt, was genau Ulrich Tukur seinem Leser eigentlich sagen will mit dieser Geschichte, deren Sprache leider oft ins allzu Schwülstige, Klischeehafte abgleitet. Die betont unmoderne Sprache, in der der Bücher liebende und alles Digitale ablehnende Goullet spricht und denkt, unterstreicht das zu sehr Konstruierte, zu angestrengt Künstliche, das den Roman über weite Strecken ausmacht.

Bewegende Fragen

Dabei stellt Tukur die richtigen, weltbewegenden Fragen: Wo geht es noch hin mit dieser zerrissenen, sich radikalisierenden, immer mehr dem Hass verfallenen Gesellschaft? Wiederholt die Geschichte sich? Ist das alles nur die Schuld des Internets? Oder auch der sich wie Goullet betont unpolitisch und undigital gebenden, gut situierten, gutbürgerlichen Gesellschaftsschicht? Entscheidende Fragen, auf die Tukur aber zu wenig Antworten einzufallen scheinen.

(bris)
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