Kritik zum Buch „Neujahr“: Panik im Biolimonade-Paradies

Kritik zum Buch „Neujahr“: Panik im Biolimonade-Paradies

Der erste Satz ist oft der wichtigste für einen Text. Nach dem perfekten ersten Satz kann eigentlich gar nicht mehr so viel schiefgehen. Juli Zehs neuer Roman „Neujahr“ beginnt mit dem unschönen Satz „Ihm tun die Beine weh“, und viel besser wird es auf den folgenden 185 Seiten nicht.

Um das Jahr gleich mit einem guten Vorsatz zu beginnen, begibt sich Henning im Lanzarote-Urlaub auf eine Radtour. Während er also am Neujahrsmorgen auf seinem Rad einen Berg hoch strampelt (daher die schmerzenden Beine), arbeitet er sich gleichzeitig an seinem Leben inklusive Panikattacken ab – und an seiner Kindheit, in der die Ursache der Ängste zu finden ist. Leider gerät die Geschichte allzu klischeehaft.

Die von ihren Lesern geliebte und von vielen Kritikern verschmähte deutsche Autorin legt nach „Unterleuten“ und „Leere Herzen“ innerhalb von knapp zwei Jahren schon den dritten Roman vor. Man fragt sich, ob das nicht vielleicht ein wenig zu ambitioniert ist. „Neujahr“ wirkt lieblos niedergeschrieben – inhaltlich und auch sprachlich uninspiriert.

Im Mittelpunkt dieser Familiengeschichte, die stellenweise Züge eines Krimis und Psycho-Romans aufweist, stehen Henning und Theresa. Die beiden sind der Prototyp des biobourgeoisen Ehepaares. Verlagslektor Henning und Steuerberaterin Theresa haben – natürlich – zwei Kinder: Jonas, 4, und Bibbi, 2. Das Paar wohnt im akademisch geprägten Göttingen – nicht zu groß, aber auch nicht zu klein. Und sie haben die Probleme, die diese Biolimonade trinkenden und Chiasamen essenden Paare nun einmal haben.

Leicht durchschaubar: Juli Zehs neuer Roman. Foto: imago/Metodi Popow/M. Popow

Modern-emanzipiert teilen sie sich Arbeit und Erziehung exakt gleich auf. Theresa ärgert es trotzdem, dass die Kinder bei Problemen immer nach „Mama“ rufen. Henning hat ein schlechtes Gewissen, weil er weniger verdient als seine Frau. Ganz klar, dass er das durch mehr Hausarbeit kompensiert – „was Theresa, wie sie ihn spüren lässt, auch erwartet“. Eigentlich führen die beiden ein recht normales, wenig aufregendes Leben. Würde sich bei Henning nicht „ES“ bemerkbar machen. „ES“ nennt er seine wiederkehrenden Panikattacken. Die belasten das Familienleben und überfordern Henning – wie das Leben an sich.

So heißt es dann auch: „Vom Urlaub werden sie sich in ihren Jobs erholen.“ Schließlich mache Urlaub mit Kindern das Leben noch anstrengender. Beim Silvesterdinner in einer Hotelanlage flirtet Theresa – natürlich – mit einem Franzosen. Lanzarote gefällt ihr nicht: „zu windig“. Henning wollte aber unbedingt auf die Insel, und wir werden schnell erfahren, warum.

All das beschreibt Zeh im ersten Teil des Romans, an dessen Ende Henning völlig dehydriert auf einem Berg bei Femes ankommt. Dort wird er von einer fremden Frau in einem Haus versorgt. Und nun kommt eines der größten Ärgernisse des Buches, das aus der Perspektive von Henning geschrieben ist. Die Frau berichtet, dass in dem Haus einst zwei Kinder halb verhungert aufgefunden wurden. Henning hat die ganze Zeit das Gefühl, das Haus zu kennen.

Zweiter Teil der Geschichte

Man muss nicht gerade hochbegabt sein, um daraus zu schließen, dass es sich bei den Kindern um Henning und seine jüngere Schwester Luna (die zuvor mehrfach erwähnt wurde) handelt. Die Motivation, den zweiten Teil der Geschichte zu lesen, ist deshalb recht gering. Er handelt von eben jenem Urlaub aus Hennings Kindheit. Als er sich an die schrecklichen Geschehnisse erinnert, sind auch die Panikattacken besiegt. Ein durchschaubares Happy End.

Henning und Theresa sind keine besonders originellen Charaktere. Geschenkt. Ärgerlich aber ist die Nachlässigkeit, mit der Zeh mit Sprache umgeht. Als Beispiel seien Formulierungen wie „Die dreieckige Form des männlichen Rückens“ oder die „schwangeren Ziegen“ genannt. Und Staccato-Aufzählungen wie „Panorama, Aussicht, Horizont. Vulkanberge, Himmel, Meer“ taugen höchstens für den Kurs „Literarisches Schreiben für Anfänger“.

„Neujahr“ ist okay, tut keinem weh. Aber es tut eben auch keinem weh, wenn man das Buch nicht im Regal stehen hat.

Mehr von Aachener Zeitung