Gelesen: „Mit der Flut“ von Agnes Krup

Gelesen: „Mit der Flut“ von Agnes Krup

Wer Anfang des vergangenen Jahrhunderts das große Glück suchte, der ging nach Amerika. So auch der junge, abenteuerlustige Paul aus Hamburg, der der Enge des elterlichen Obsthofs in Finkenwerder entflieht und als blinder Passagier an Bord eines Ozeandampfers nach New York ausreist.

Dort lernt er Antonina, die Tochter sizilianischer Einwanderer, kennen. Alles scheint perfekt. Doch Paul will Arzt werden. Um sich diesen Lebenstraum zu verwirklichen, muss er zurück nach Deutschland – kurz bevor dort der Zweite Weltkrieg ausbricht.

Die Geschichte ist inspiriert von dem bewegten Leben des Großonkels der Autorin. Sorgfältig hat sie Briefe, Zeitungsarchive und Materialien aus historischen Vereinen studiert. So weit, so gut. Doch vor allem der Hauptcharakter bleibt seltsam unscharf.

Warum lässt sich Paul überreden, Amerika für sein Studium verlassen? Warum begegnet er seiner Familie oft feindselig, obwohl diese seine Launen und seinen stoischen Egoismus tapfer erträgt? Warum gibt er Antonina nicht zu verstehen, dass sie in seinem Leben in Deutschland schon bald eigentlich keine Rolle mehr spielt?

Aus der heutigen Sicht einer aufgeklärten, selbstbestimmten Frau ist die Hartnäckigkeit Antoninas kaum nachvollziehbar: Wie kann sie über Jahre an einem Mann festhalten, der nicht nur auf der anderen Seite des großen Ozeans lebt, sondern auch noch Affären hat?

Obwohl längst nicht mehr Paul auf die ihren großzügig gefüllten Paketen beigelegten Briefe antwortet, sondern sein Bruder, glaub sie fest daran, dass ihr Geliebter irgendwann zu ihr zurückkehrt. Immer wieder überkommt einen Mitleid mit der Amerikanerin, die sich naiv ausnutzen lässt. So plätschert die Geschichte der durch einen riesigen Ozean getrennten Hauptfiguren dahin.

Aufgrund des Prologs ahnt der Leser zwar, dass die beiden tatsächlich wieder zueinander finden. Doch was sie letztlich zusammen alt werden lässt, bleibt rätselhaft. Ihr Umgang miteinander lässt eher eine Art von Pflichtbewusstsein als tief empfundene Zuneigung erahnen. Erst am Ende wird es noch mal richtig spannend. Pauls Sohn, von dem er nichts weiß, trifft zufällig auf Pauls Nichte. Zwischen den beiden scheint es zu knistern, doch bevor die beiden diesen unglaublichen Zufall aufdecken können, ist das Buch auch schon zu Ende.

(km)
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