1. Kultur
  2. Buch

Matthias Heine: „Verbrannte Wörter": Nazi-Reste in der Sprache

Rasse, Eintopf, Sippenhaft : Nazireste in der Alltagssprache

Vielleicht ist es eines der beklemmendsten Beispiele des Buches. Weil es so unscheinbar daherkommt. Wer hat am Telefon nicht schon mal seinen Namen oder ein Wort entsprechend der amtlichen Buchstabiertafel buchstabiert?

D wie Dora, N wie Nordpol, S wie Siegfried. Es gab Zeiten in Deutschland, da wurden dafür stattdessen die Beispielnamen David, Nathan und Samuel verwendet. Das war vor dem Nationalsozialismus.

Die Nazis tilgten bereits 1934 alle Namen aus der Tafel, die sie für jüdisch hielten. Der Journalist Matthias Heine zeichnet in seinem Buch „Verbrannte Wörter. Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht“ nach, was den Anstoß für die antisemitische Bereinigung gab: die Postkarte eines Rostockers namens Joh. Schliemann. Er wies darauf hin, bei der dem Berliner Telefonbuch vorangestellten Buchstabiertafel koste es manche nationale Kreise Überwindung, „bei der Verdeutlichung eines Wortes jüdische Namen verwenden zu sollen“.

Die Buchstabiertafel

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der Naziherrschaft wurden zwar zumindest zwei der biblischen Namen wieder aufgenommen, aber Samuel und Zacharias haben sich in der Sprachpraxis bis heute nicht wieder gegen Siegfried und Zeppelin durchsetzen können, zumal die Buchstabiertafel keine Gesetzeskraft hat.

Matthias Heine: „Verbrannte Wörter“ , 224 Seiten, 18 Euro, Duden. Foto: duden

87 Beispiele hat Heine gesammelt für vermeintliche und tatsächliche Spuren der Nazisprache in unserer Gegenwart. Das ist an sich schon ein mutiges Unterfangen in einer Zeit, die Diskussionen über Sprachsensibilität gerne unter den Generalverdacht stellt, es gehe in Wahrheit um die Interessen einer vermeintlichen Sprachpolizei. Das Buch wird noch mutiger dadurch, dass es keineswegs nur Erwartetes bestätigt, sondern immer wieder Gewissheiten über den Haufen wirft. Das alles eben nicht im Interesse einer Sprachpolizei, sondern einer angemessenen Ausdrucksweise. Am Ende jedes Beispiels gibt es daher eine kurze, undogmatische Verwendungsempfehlung.

Die Betreuung

Nazi-Vokabular, so Heine, lässt sich in vier Typen unterscheiden: die Wortneubildungen (Sippenhaftung, Kulturschaffende(!)), alte Wörter mit absichtlicher Bedeutungsveränderung (fanatisch als positiver Begriff), Hochwertwörter mit besonderem Stellenwert (Volk, Rasse, Reich) und alte Wörter mit Bedeutungsverengung (Führer, Konzentrationslager). Eines der Beispiele, die sich nirgendwo einordnen lassen: die Redewendung „bis zur Vergasung“. Sie ist nämlich gar kein NS-Jargon, sondern wesentlich älter und entstammt der Chemie. Heine rät angesichts der Nazi-Assoziationen dennoch zu behutsamer Verwendung.

Erhellend sind gerade solche unvermuteten Belege. Wer weiß andererseits noch, dass das Verb „betreuen“ und das Substantiv „Betreuung“ eine grausame Blütezeit im Nationalsozialismus erlebten? Im KZ-Alltag waren sie allgegenwärtig als beschönigende Begriffe für jegliche Formen der Behandlung der Häftlinge bis hin zum Mord. Das historische Wissen hilft, das Wort zumindest im Zusammenhang mit NS-Verfolgten nicht länger zu verwenden.

Unbedenklichkeit attestiert Heine dagegen dem beliebten Eintopf, obwohl auch er eine nationalsozialistische Komponente hat. Seinen Erfolg verdankt der Begriff den seit 1933 propagierten Eintopf-Sonntagen, an denen die deutschen Haushalte ein einfaches, in einem Topf gekochtes Essen vorbereiten sollten.

Bei dem Wort System ist die Einschätzung des Autors dagegen eindeutig: „Wer System, Systempresse oder Systempartei sagt, redet nicht nur wie Goebbels, sondern behauptet damit heute einen verschwörerischen globalen Zusammenhang, in dem alles von einem gewaltigen Netzwerk kontrolliert wird. Das kann man tun. Man sollte nur wissen, ob man es will.“

Die „Nacht der langen Messer“

Vielleicht wären ähnliche Überlegungen auch bei der bis heute gerne zitierten „Nacht der langen Messer“ hilfreich. Historisch ist damit die Mordserie gemeint, bei der
Hitler im Juni 1934 mögliche Konkurrenten innerhalb der NS-Bewegung töten ließ. Inzwischen wird die ursprünglich aus dem SA-Vokabular stammende Bezeichnung für alle Formen der (politischen) Abrechnung verwendet. Auch in diesem Fall sollte man wissen, ob man das will.