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Lucky Frickes Roman "Töchter" ist ein fulminanter Roadtrip

Absolut Lesenswert : Ein fulminanter Roadtrip

Lucy Fricke schickt in ihrem Roman „Töchter“ zwei Frauen durch Europa. Sie sind auf der Flucht vor ihrem Leben und arbeiten sich an ihren Vätern ab. Brillant geschrieben und eines der besten Bücher des Jahres.

„Dann wollen wir mal. – Mit diesem Satz ging man los, um sich das Leben zu ruinieren.“ So beschreibt es die Protagonistin in Lucy Frickes neuen Roman „Töchter“. Eine fantastische Roadnovel über zwei Freundinnen knapp über 40, die durchbrennen. Gesagt, getan. Doch Betty und Martha wollen sich nicht in erster Linie das Leben ruinieren, sondern vor allem weg, um ihren Problemen zu entfliehen. Ab in die Schweiz in eine Sterbeklinik, mit Marthas todkrankem Vater auf der Rückbank. In Chur werden die beiden Frauen jedoch nie landen, vielmehr möchte der Krebskranke noch mal an den Lago Maggiore, zu seiner ersten großen Liebe. Und da die beiden Freundinnen ohnehin schon mal in Italien sind, begeben sie sich auf die Suche nach Bettys Teilzeit-Vater Ernesto. Weil „Zurück“ zu den schwierigsten Manövern im Leben gehört, wie Betty bemerkt, wagen die Freundinnen die Flucht nach vorn.

Denn der Alltag der beiden Frauen ist nicht gerade leicht: Martha versucht seit einem Jahr, schwanger zu werden – bislang erfolglos – und kümmert sich nun um ihren Vater, der sich selbst nie um seine Tochter geschert hat. Es sei schon eine ziemliche Gemeinheit, kurz vor dem Sterben noch nett zu werden, sagt Martha über ihn. Ohne Betty könnte sie diese Fahrt – in dem klapprigen VW des Vaters – nicht durchstehen. „Wir waren eingeklemmt zwischen Vätern, Erinnerungen und Tod.“

Betty ist die Anti-Heldin des Romans. Sie ist Autorin mit Schreibblockade, nimmt Medikamente gegen eine Depression, ist „für Drama empfänglich“, säuft und raucht gern und viel und sucht sich dank ihres ausgeprägten Vaterkomplexes regelmäßig die falschen Männer. Anders als Martha, deren Vater sich einfach aus dem Staub machte, hat Betty gleich drei Väter zur Auswahl, die alle nicht das Ideal des Bilderbuch-Papas erfüllen.

Der Vaterkomplex eint die beiden Frauen, genau wie die Herkunft aus einem bestenfalls kleinbürgerlichen Milieu. Hier ist wohl eine Parallele zu Fricke selbst zu finden, die in einem Interview sagte, dass sie stets die Angst begleite, dass sie sich wegen ihrer Herkunft blamieren könne. Auch Betty trinkt selbst bei den elegantesten Anlässen am Ende mit dem Barpersonal. Immer war sie mit den „falschen Leuten“ unterwegs. „Meine Herkunft war eine stinkende Angelegenheit“, findet Betty denn auch. Und bemerkt lakonisch, dass sie eben nicht in den „Genuss kam, Häuser zu erben“, wie die anderen Menschen in ihrem Freundeskreis.

Die Ich-Erzählerin ist herrlich zynisch, ihre Sprüche bringen den Leser laut zum Lachen – zum Beispiel, wenn Betty während der Reise durch Italien über die schäbigen Hotel-Bilder sinniert. „An jedem halbwegs schönen Ort der Welt musste es Menschen geben, die davon lebten, ihr therapeutisches Kunsthandwerk an schäbige Hotels zu verkaufen.“ Herrlich. Zur Hochzeit hatte Betty ihrer Freundin Martha eine Karte mit folgenden Worten geschrieben: „Ehe ist eine großartige Institution, wenn es dir gefällt, in einer Institution zu leben.“ Das Resümee des Lebens? Nun erst rede man drei, vier Jahrzehnte über Männer und dann über Krankheiten.

Einerseits fühlt sich die Protagonistin noch nicht richtig erwachsen, andererseits klopft das Alter regelmäßig an. „Früher war ich gewachsen im Traum, und bald würde ich schrumpfen im Schlaf“ – so beschreibt es Fricke poetisch. Denn sie ergeht sich nicht in Sarkasmus und Ironie, sondern kann auch sanft und leicht. Stets beobachtet die Ich-Erzählerin sich selbst und die Welt mit einem Augenzwinkern. Es sei normal zu scheitern und Schuld im Leben auf sich zu laden. Aber, und das ist die positive Botschaft: Trotz allem machen Betty und Martha weiter und stellen sich dieser Absurdität – gern gemeinsam. Frickes vierter Roman handelt von den Herausforderungen im Leben, von Sehnsüchten, Träumen und Schmerz – und am Ende ist dieser Roadtrip beinahe märchenhaft. Und mit Sicherheit eines der besten Bücher dieses Jahres. Jetzt schon.