Leila Slimani: "All das zu verlieren"

Der neue Roman von Leïla Slimani : Eine trashige Madame Bovary

Leïla Slimanis Debüt-Roman „All das zu verlieren" ist auf Deutsch erschienen. Die preisgekrönte französische Autorin erzählt von einer Frau, die süchtig nach Männern und Sex ist.

Adèle hat eigentlich alles. Sie ist Journalistin, mit einem erfolgreichen Arzt verheiratet, hat einen Sohn, lebt ein bourgeoises Leben in Paris und kann sich alles leisten. Aber das reicht der jungen Frau nicht. Sie ist vom Alltag angeödet und füllt die Leere durch wahllosen Sex mit fremden Männern. Im zweiten Leben ist Adèle Nymphomanin.

Die französische Bestseller-Autorin Leïla Slimani legt mit „All das zu verlieren“ einen gut geschriebenen Roman über eine unglückliche, nach Sex süchtige Frau vor, der kurzweilig, aber nicht platt, spannend, aber nicht gewollt schockierend ist. Kurzum: „All das zu verlieren“ ist ein Buch, das man dringend lesen sollte, auch wenn man die Protagonistin manchmal einfach nur schütteln möchte. Oder um es mit den Worten von Adèles bester Freundin Lauren zu sagen: „Was machst du bloß für einen Scheiß?“

Nun ja, Adèle hat Sex mit ihrem Chef, mit der großen (unerfüllten) Liebe ihrer besten Freundin, mit einem Fremden aus einer Bar und mit vielen anderen weiteren Männern, deren Namen und Nummern sie in einem Zweithandy speichert. Adèle selbst, aus deren Perspektive das Buch größtenteils geschrieben ist, „will nur ein Objekt inmitten einer Meute sein. Gefressen, ausgesaugt, mit Haut und Haar verschlungen werden. Sie will in die Brust gekniffen, in den Bauch gebissen werden. Sie will eine Puppe im Garten eines Ungeheuers sein.“ „Dans le jardin de l’ogre“ also „Im Garten des Ungeheuers“ ist übrigens der Originaltitel des Buches, der viel mehr über diesen Roman aussagt als das wirklich lapidare „All das zu verlieren“.

Adèles Mann Richard liebt sie, möchte ein zweites Kind und Paris gegen ein Haus in der idyllischen Provinz eintauschen. Richards und Adèles Körper indes „haben sich nichts zu sagen“. Der seltene eheliche Sex ist „ohne Finesse“. Adèle hört dabei nur „schmatzende Geräusche von „aneinander klebenden Oberkörpern, sich reibenden Genitalien“. Danach schaut er Fernsehen, und sie fühlt sich einsam.

Leïla Silmani: „All das zu verlieren“, 224 Seiten, 22 Euro, Luchterhand Verlag. Foto: Luchterhand

Adèle ist überhaupt nur Mutter und Ehefrau, weil man das eben so macht. Sie erhofft sich dadurch eine „Aura der Achtbarkeit“. Die Rastlosigkeit, hoffte sie, mit Hilfe eines Kindes beenden zu können. Doch weder hat das funktioniert, noch macht das Kind sie besonders glücklich.
„Zum ersten Mal im Leben muss sie sich um jemand anderen kümmern als sich selbst“, stellt die Protagonistin fest und auch, dass etwas in ihr stirbt. „Sie hatte sich eingeredet, dass ein Kind sie heilen würde. Dass die Mutterschaft der einzige Ausweg aus ihrem Überdruss wäre.“ Weit gefehlt.

Das Problem der Mutterschaft ist auch Gegenstand von Slimanis Erfolgsroman „Dann schlaf auch Du“. Das Buch wurde 2016 mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet. Der preisgekrönte Roman handelt von einem Kindermädchen, das seine Schützlinge umbringt, und vor allem von einer Mutter, die sich zwischen Job, Mutterrolle und Ehefraudasein aufreibt. Slimani gibt vielschichtigen Frauenfiguren eine Stimme und scheut nicht vor unbequemen (Sinn-)Fragen zurück. Das haben ihre beiden Romane gemein. „All das zu verlieren“ ist Slimanis Debüt aus dem Jahr 2014, das jetzt auf Deutsch übersetzt wurde und inhaltlich ein wenig schwächer ist als „Dann schlaf auch du“. Oder um es positiv auszudrücken: Slimani ist von ihrem Debütroman zu ihrem zweiten Werk gereift. Trotz kleiner Schwächen lohnt die Geschichte rund um Adèle, die zwischen Spießbürgertum und Exzess wandelt.

Adèle ist der Alptraum jeder Feministin, wie sie selbst bemerkt. „Sie wäre so gern die Ehefrau eines reichen Mannes, der nie da ist. Sie würde gern nichts tun, außer schön zu sein.“ Schön sein, beachtet werden, bewundert werden – darum dreht sich alles in Adèles Leben. Dass sie sich den Sex holt, den sie braucht, hat nichts selbstermächtigendes. Adèle ist getrieben von der Angst, allein und unbedeutend zu sein. Allein die Macht, jeden Mann haben zu können, gibt ihr Genugtuung, die Gewissheit, mehr zu sein als das, was Leute auf den ersten Blick in ihr sehen. „Männer sind die einzigen Bezugspunkte ihres Daseins“.

Warum Adèle süchtig nach dieser Aufmerksamkeit ist, wird nicht aufgeklärt. Es gibt nur hier und da Andeutungen. Im Zweifel ist es eben immer die „schwere Kindheit“. Damit macht es sich Slimani ein wenig leicht, aber man verzeiht es ihr.

Adèle ist in Frankreich als eine „moderne Madame Bovary“ bezeichnet worden, oder auch als eine „trashige Madame Bovary“. Gustave Flauberts Roman aus dem 17. Jahrhundert trägt den Untertitel „Ein Sittenbild aus der Provinz“. Slimani, die neben Virginies Despentes, derzeit zu den führenden französischen Autorinnen gehört, gelingt ein sehr gelungenes „Sittenbild“ der zerrissenen Frau in der gutbürgerlichen Gesellschaft. Lesen!

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