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Laurent Binet "Die siebte Sprachfunktion" Sprachwissenschafts-Thriller

Abgefahrenes Buch : Skurriler Sprachwissenschafts-Krimi

Laurent Binet traut sich wirklich etwas. Der preisgekrönte französische Autor mutet den Lesern seines aktuellen Romans „Die siebte Sprachfunktion“ tatsächlich Details der Sprachwissenschaften zu. Wenn der Erzähler des Akademiker-Krimis von Signifikant und Signifikat spricht, fühlt man sich ins erste Semester Romanistik zurückversetzt. Nicht immer ein positives Gefühl.

Aber, und das ist die gute Nachricht, Binet liefert auch einen wunderbar unterhaltsamen und spannenden Thriller ab. Halten Sie also die ersten etwas zu akademischen Seiten durch, ja, überlesen Sie sie ruhig, denn das Buch ist durchaus amüsant! Wirklich.

Ausgangspunkt der Geschichte ist der Tod Roland Barthes‘. Der Literaturkritiker und Linguist starb tatsächlich am 25. Februar 1980 bei einem Unfall. In Binets Roman war es aber kein Unfall, sondern Mord. Weil Barthes vor seinem Tod mit dem damaligen Präsidentschaftskandidaten François Mitterrand dinierte, muss Kommissar Jacques Bayard ermitteln. Glücklicherweise hat der Polizist, der sich zwischen Strukturalisten und Poststrukturalisten äußerst unwohl fühlt, genauso wenig Ahnung von Sprachwissenschaften wie der Durchschnittsleser. Aus diesem Grund bekommt er den Wissenschaftler Simon Herzog als Sidekick gestellt. Der hilft bei den Ermittlungen, die in Frankreichs Intellektuellenmilieu der 80er Jahre führen: Philosoph Jean-Paul Sartre, Autor Philippe Sollers, die Philosophen Bernard-Henri Lévy und Gilles Deleuze und Sprachwissenschaftsgott Michel Foucault tauchen auf. Letzterer lässt sich in Binets Erzählung gerne von Strichern in der Sauna verwöhnen, während er Hochgestochenes von sich gibt. Welch eine Karikatur! Binet liefert eine amüsante, bissige Satire. Angesichts der Tatsache, dass viele der genannten Akteure noch leben, ist es ein Wunder, dass der Autor nicht verklagt wurde. Für Aufsehen sorgte das Buch in Frankreich trotzdem wegen all dieser Anspielungen, der Vermischung von Realität und Fiktion.

Sogar Sexszenen enthalten Anspielungen etwa auf die Theorien Deleuzes, wenn die Gespielin des Co-Ermittlers Herzog ihm zuraunt „Fick mich wie eine Maschine.“ Selbst mit einem Philosophie- und Romanistikstudium und als Halbfranzösin entgeht einem jedoch die eine oder andere Andeutung. Die Geschichte versteht man trotzdem.

In dem Krimi sind letztlich alle hinter der mysteriösen siebten Sprachfunktion her, die Barthes kurz vor seinem Tod geklaut worden sein soll. Kein Wunder, denn: „Stellen wir uns eine Sprachfunktion vor, die sehr viel extensiver irgendjemanden davon überzeugen könnte, irgendetwas in irgendeiner Situation zu tun. (…) Wer diese Funktion kennt und beherrscht, wäre praktisch der Herr der Welt. Seine Macht wäre grenzenlos. Er könnte sich bei jeder Wahl wählen lassen, könnte die Massen mobilisieren, Revolutionen auslösen, Frauen verführen, jedes beliebige vorstellbare Produkt verkaufen, Imperien errichten, die ganze Welt betrügen, alles bekommen, was er will.“ Dieser Schlüssel zur Macht soll der russische Linguist Roman Jakobson erdacht haben. Den Akteuren des Romans ist jedes Mittel recht, um an diese Formel zu kommen.

Bayard, der konservative Miesepeter, und Herzog, der eigentlich gegen das „System“ und den Staat ist, denen er plötzlich helfen muss, geben ein herrlich konträres Ermittlerduo ab. Ihre Ermittlungen führen sie durch vier Städte, zu Umberto Eco, in Hörsäle und letztlich zu einem Fight Club für intellektuelle Argumentierer. Und der Leser wird selbst zum Ermittler, zum Spurenleser all der Zeichen, die Binet einem hinstreut. Völlig ungezwungen liefert der Autor ein Werk, das die Sprachwissenschaften feiert.