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Laetitia Colombani liefert mit "Der Zopf" einen kitschigen Bestseller

Märchenhaftes Buch : Ein Kampf gegen Widerstände

Der Roman „Der Zopf“ verknüpft drei Schicksale mutiger Frauen. Der französischen Autorin Laetitia Colombani ist ein Bestseller gelungen. Leider driftet sie mitunter ins Kitschige ab.

Smita gehört in Indien zur Kaste der Unberührbaren. Tag für Tag leert sie die Toiletten der Menschen in ihrem Dorf. Sie sammelt deren Exkremente. Das ist Smitas „Dharma“, ihre Pflicht. Für ihre Tochter Lalita wünscht sie sich ein besseres Leben. Sie soll zur Schule gehen. Doch Smita lernt auch, dass es nicht so leicht ist, starre Hierarchien in einer Gesellschaft zu ändern. An Lalitas erstem Schultag befiehlt der Lehrer ihr, die Klasse zu putzen. Es kommt zum Eklat und zum Wendepunkt in Smitas Leben.

Smita ist eine von drei Frauen, die in Laetitia Colombanis Debütroman „Der Zopf“ im Mittelpunkt stehen. Drei Frauen, drei Kontinente, drei Leben, die wie die Stränge eines Zopfes miteinander verflochten sind. Mit diesem etwas konstruierten Konzept steht die Französin seit Wochen vorne in der Bestseller-Liste. Colombani, die eigentlich Schauspielerin und Drehbuchautorin ist, beschreibt sehr kurzweilig, wie sich diese unterschiedlichen Frauen ihrem Schicksal widersetzen (wollen). Starke Frauen, viel Gefühl – das Rezept funktioniert offenkundig. Der Roman wurde bereits in 28 Länder verkauft und soll verfilmt werden. Das Buch hat aber einige Schwächen – etwa die Vorhersehbarkeit. Wie sich die Leben der Frauen berühren, ist keine große Überraschung, darüber lässt sich aber hinwegsehen. Dass das Märchenhafte an dem Buch jedoch mitunter ins Kitschige abdriftet, ist schade.

Colombani will ein Buch für „mutige Frauen“ schreiben, so steht es im Vorwort. Während Smita, die „an der Peripherie der Menschlichkeit“ lebt, mit ihrer Tochter das Dorf verlässt und in einem Tempel dem Gott Vishnu ihre Haare opfert, muss die 20-jährige Giulia in Sizilien die Perückenfabrik ihres Vaters retten, und die erfolgreiche Anwältin Sarah erhält in Montreal die schlimme Diagnose Krebs. Während Smita gegen das Kastenwesen kämpft, muss Giulia gegen die ungeschriebenen Gesetze in italienischen Familien kämpfen und Sarah ums Überleben und ihre Karriere. Die Kanadierin, zweimal geschieden, zwei Kinder, kaum Freunde, hat ihre Karriere als Anwältin stets über ihr Familienleben gestellt.

Ein bisschen viel Italien-Klischee

Der Aufbau des Buches ist geschickt. Kurze Kapitel, abwechselnd aus Smitas, Giulias oder Sarahs Perspektive erzählt, folgen aufeinander. Gern endet die Autorin mit einem dramatischen Satz, setzt diese wie Cliffhanger beim Film ein. „Dem Papa ist etwas zugestoßen“, heißt es etwa am Ende eines Giulia-Kapitels. Die Firma des sizilianischen Papas ist pleite, und ihrer Mutter fällt nichts anderes ein, als Giulia an den Nachbarsjungen verheiraten zu wollen. Das gefällt Giulia gar nicht, schließlich hat sie sich gerade in den Inder Kamal verliebt. Heimlich natürlich, was soll die Familie nur denken? Die Autorin erlaubt sich etwas zu viel des Mamma-Mia-Klischees, weshalb Giulias Geschichte die schwächste ist.

Die drei Frauen erleben schließlich jede auf ihre Art einen Moment des Wunders. Doch wer „Wunder“ sagt, sagt meist auch Kitsch. Leider. Es ist nicht das Ausmaß des Kitsches von Büchern, die in Buchhandlungen in der Abteilung „Frauenliteratur“ zu finden sind und deren Cover Herzwolken zeigen. Doch besonders die amourösen Szenen zwischen Giulia und Kamal lesen sich wie Sätze aus Groschenromanen. „Ihre Umarmungen atmen den Duft gestohlener Augenblicke.“ Oder aber: Sie nutzen diese Treffen „ausgiebig, indem sie ihre Schönheitsflecke zählen und ein Verzeichnis der Spuren erstellen, die das Leben auf ihrer Haut hinterlassen hat“. Die mitunter sprachlich gelungenen Bilder zeigen dagegen, dass Colombani das sicher besser gekonnt hätte.

Wer über den Kitsch hinweg liest, hat zwar noch immer keine Weltliteratur in den Händen, aber ein märchenhaftes Buch aus der Kategorie „guilty pleasure“ (heimliches Vergnügen). Colombani legt einen süffigen Roman vor, der sich zügig durchlesen lässt, unterhält und schöne Momente bereithält.