Erzählungen in „Morgengrauen“: Kurzgeschichten um das Schicksal einer Frau im Gefängnis

Erzählungen in „Morgengrauen“ : Kurzgeschichten um das Schicksal einer Frau im Gefängnis

Wie hat er es bloß geschafft, seine Texte von der Gefängnisdirektion von Edirne prüfen und an den Verlag weiterleiten zu lassen?

Auf das Hochsicherheitsgefängnis, in dem er seit über zwei Jahren festgehalten wird, geht Selahattin Demirtas, Politiker der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP, in seinem Erzählband „Morgengrauen“ zwar nicht ein. Auch der Name Erdogan fällt nicht. Nur in einer seiner Kurzgeschichten geht es um das Schicksal einer Frau, die zufällig in eine Demonstration gerät und sich im Gefängnis wiederfindet.

Der türkische Oppositionspolitiker sitzt wegen Terrorvorwürfen in Untersuchungshaft. Mitte Dezember hatte ein Gericht in Ankara unter Missachtung eines gegenteiligen Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte entschieden, dass Selahattin Demirtas im Gefängnis bleibt.

Der schmale Band von Demirtas hat es in sich. Etwa wenn in einer Erzählung aus der Festtagsstimmung einer harmonischen Familie und der Verliebtheit einer jungen Frau die Idylle umkippt und Vergewaltigung und einen Mord den Schlusspunkt setzen. Wenn es bei aller Liebe keinen Verzicht auf die Traditionen und ein archaisches Verständnis von Ehre gibt.

Demirtas ist im Gefängnis zum Schriftsteller geworden und hat sich mit Worten Freiräume geschaffen. Tagträumerei in eine einfachere, hellere, versöhnlichere Welt ist „Morgengrauen“ ganz entschieden nicht. Nur in einigen wenigen Texten arbeitet Demirtas mit Humor und Ironie. Es geht um Schicksale, um Ohnmacht, um Einsamkeit, um den Traum von einem besseren Leben, das dann doch nicht kommt. Selbst dort, wo es um Aufbruch und Chancen geht, schwingt meist irgendwo ein bitterer Ton mit.

Demirtas verzichtet auf anklagendes Pathos. Die Härten des Lebens sind auch so sichtbar, der Leser braucht nicht den erhobenen Zeigefinger. Das macht die Texte nur eindringlicher. „Morgengrauen“ zeigt: Es gibt Themen, für die gar nicht viele Worte nötig sind. Nicht einmal drei Druckseiten umfasst die Erzählung „Die Meerjungfrau“, eine der eindringlichsten und traurigsten dieses Buches, in dem die glücklichen Momente rar sind – so wie wohl im Leben im Hochsicherheitsgefängnis.

(evk)
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