Krimi „Westwall“ von Benedikt Gollhardt

Krimi „Westwall“ : Eins der ehrgeizigsten Bauprojekte der Nazis

Er verlief vom niederrheinischen Kleve bis nach Grenzach-Wyhlen in Baden-Württemberg. Mit 15.000 Bunkern, Panzersperren, Tunnelsystemen und Gräben war der Westwall eins der ehrgeizigsten Bauprojekte der Nazis.

Über 630 Kilometer hinweg diente er der Grenzabsicherung. Im Winter 1944/45 tobte im Hürtgenwald eine der schwersten und verlustreichsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Für sein Thriller-Debüt hat Benedikt Gollhardt die gigantische Verteidigungslinie als Titel gewählt.

Hierhin, an „die trotzige Grenze aus einer dunklen Vergangenheit“, tief in die Wälder der Eifel, verschlägt es die Polizeischülerin Julia Gerloff, die einer rechtsradikalen Jugendsekte auf die Spur kommt. Und dabei gleichzeitig ihre eigene Herkunft enträtseln muss. Ist Wolfgang, ihr Papa, wirklich nur ein harmloser, kiffender Alt-Punk, der jetzt schwer krank ist? Warum hat er sich damals, als sie klein war, mit ihr in eine Bauwagenkolonie in die entlegene Uckermark zurückgezogen? Und was geschah mit ihrer Mutter?

Der Westwall wird in diesem politisch brandaktuellen Buch zum „Symbol für alles, was wir glauben, überwunden zu haben: faschistisches Gedankengut, nationale Abgrenzung und aggressive Propaganda“. Das gerät immens spannend; das Tempo steigt stetig bis hin zum Showdown. Gollhardt kann auch mit atmosphärisch dichten Beschreibungen des Tatorts Westwall punkten: „Hunderte hüfthohe Pyramiden aus verwittertem Beton ragten aus dem Waldboden wie Rückenstacheln eines riesigen Drachens, der eingegraben unter der Erde schlief.“

Zu Gollhardts umfänglichen Recherchen, die ein Viertel der Arbeitszeit ausmachten, gehörten auch Besichtigungen des düsteren Terrains.

Gollhardts Protagonisten – bis hin zu den Nebenfiguren – wirken glaubwürdig, echt, ungeschönt. Er vermeidet platte Schwarz-Weiß-Malereien. Den knackigen Dialogen merkt man an, dass er vorher Drehbücher geschrieben hat. Im Anhang zum Buch findet man ein Interview mit dem Autor und ausführliche Infos zum Westwall. Von Julia, der ungeschminkten, unangepassten Heldin mit den Sommersprossen, verabschiedet man sich nur ungern. Eine Fortsetzung ist bereits geplant.

(sus)