Roman „Wir, die wir jung sind“: „King Lear“ auf Indisch

Roman „Wir, die wir jung sind“ : „King Lear“ auf Indisch

Lassen sich Handlung und Figuren einer Tragödie von Shakespeare ins Indien des 21. Jahrhunderts übertragen? Die Autorin – aus einer indischen Familie stammend und in England aufgewachsen – geht das Wagnis ein.

Aus King Lear wird Devraj Bapuji, Sohn eines Maharajas und Chef eines mächtigen indischen Mischkonzerns. Und aus Lears drei Töchtern Goneril, Regan und Cordelia werden die Schwestern Gargi (32), Radha (28) und Sita (22). Der Graf von Gloucester, Lears Ratgeber, verwandelt sich in Devrajs Weggefährte und Teilhaber Ranjit Singh, dessen zwei Söhne Edgar und Edmund, entsprechen Jeet (33) und Jivan (28). Auch für weiteres Tragödienpersonal existieren Entsprechungen.

Wie der Titel (der Anfang eines Zitats aus „King Lear“) assoziiert, wird die Geschichte des Devraj- und Singh-Clans hauptsächlich aus der Sicht der jungen Generation erzählt. Je ein Kapitel ist Jivan, Gargi, Radha, Jeet und Sita gewidmet. Das sechste und letzte Kapitel trägt als Überschrift den Titel des Romans; in ihm wird die Tragödie vollendet.

Aber wer würde die Parallelen zu Shakespeare ohne Erläuterungen im Klappentext und im Anhang erkennen? Man kann das Ergebnis nicht als hundertprozentig gelungen betrachten. Dadurch, dass in Einschüben immer wieder Devrajs Erinnerungen ins Spiel kommen, wird die Figuren-Collage noch kleinteiliger und verwirrender. Am Ende gibt es zwar ein Glossar, aber höchstens ein Viertel der Hindi-Worte und -Sätze, die im Buch vorkommen, wird hier übersetzt. Das hemmt den Lesefluss.

Wer einen saftigen Bollywood-Familienroman erwartet, der sich in einem Rutsch durchlesen lässt, wird enttäuscht. Dabei stimmen die Zutaten für eine „Denver Clan“-Story made in India durchaus. Die junge Generation der „Company“ (wie das verzweigte Firmenimperium genannt wird) ist triebhaft, hedonistisch und amoralisch, machtbesessen, intrigant und verroht. An Brutalität und Grausamkeit steht die Adaption dem Vorbild in nichts nach.

Überaus gelungen wird die Vermischung mit dem Westen, dessen Werten und Annehmlichkeiten beschrieben. Junge, reiche Inder studieren in Harvard oder in Cambridge, so wie Jivan und Sita, sie hören R’n’B und HipHop, tragen Ray-Ban-Sonnenbrillen und trinken Champagner, essen Lachs-Sashimi und Köfte, pokern, koksen und kopulieren in Porno-Manier. Schätzen aber gleichzeitig die traditionelle Kleidung, die traditionelle Musik und die traditionelle Küche ihres Landes. Sie sind verwöhnte Zwitterwesen.

Wie von einem Oscar-Wilde-Aphorismus („Ich habe einen ganz einfachen Geschmack – von allem nur das Beste“) inspiriert, bedienen sich die Pro- tagonisten dieser gegensätzlichen Lebensvollzüge, und das macht sie zu vollendeten Décadents. Aber auch zu äußerst herzlosen Kreaturen, mit denen man nur bedingt mitleiden und -fühlen kann. Selbst wenn sie wie Gargi an einen ungeliebten Mann gekettet sind, wenn sie wie Radha als Mädchen von „Uncle“ Ranjit missbraucht wurden oder wie Jeet verheimlichen müssen, dass sie schwul sind.

Eine Ausnahme stellt Sita, die jüngste Devraj-Tochter dar. Sie macht sich für Frauenrechte und Umweltschutz stark, will die Rechte von Mitarbeitern stärken und ein Hybrid-Auto auf den Markt bringen. Aber auch sie kann das Projekt „King Lear goes Bollywood“ letztendlich nicht retten. (sus)