Auf den Spuren Camus’: Joachim Król liest in Düren aus „Der erste Mensch“

Auf den Spuren Camus’ : Joachim Król liest in Düren aus „Der erste Mensch“

Der Junge war viel an der frischen Luft. Mit Sand zwischen den Zehen und getrocknetem Meersalz in den Haaren kehrte der Knirps abends zurück in eine Welt, in der er zwar kaum etwas Materielles besaß, aber dank seiner Bücher aus der öffentlichen Bibliothek dennoch über unerhörte Reichtümer verfügte.

In seinem autobiographischen Roman „Der erste Mensch“ schildert Albert Camus die Kindheit und Identitätssuche von Jacques Cormery, seinem Alter Ego, in Belcourt, einem Armenviertel Algiers.

Ohne lange Vorrede nahm Schauspieler Joachim Król im Dürener Haus der Stadt 600 Zuschauer am Samstagabend mit auf eine Reise in diese Zeit voller Armut und Entbehrung – aber auch Stolz, Wissensdurst und der Erkenntnis, dass Lernen ein wildes Abenteuer ist, das einem täglich neue Welten erschließen kann.

Es bedarf keines großen Bühnenbildes: ein Barhocker für Joachim Król, ein kleines Podium für die Musiker des fünfköpfigen Orchestre du Soleil, die den zwischen arabischen und französischen Einflüssen changierenden „Soundtrack“ lieferten. Im Hintergrund ein blauer Vorhang, auf dem je nach Szene und Stimmung Palmwedel, Mond oder Fensterrahmen projiziert wurden.

Den Rahmen bildeten historische Aufnahmen von der Verleihung des Nobelpreises an Camus 1957, der drei Jahre später bei einem Autounfall starb. Das nicht vollendete Manuskript seines Romans „Der erste Mensch“ hatte er bei sich, veröffentlicht wurde das Fragment erst 1994.

Es ist die Lebensgeschichte eines bettelarmen Arbeiterkindes, das in einer Familie von Analphabeten aufwächst, den Vater nie kennenlernt und in der Volksschule an den richtigen Lehrer gerät, der das im Knaben schlummernde Potenzial entdeckt und es schafft, die Familie zu überzeugen, das Kind mit einem Stipendium das Gymnasium besuchen zu lassen. Es ist die Geschichte eines Menschen ohne Geschichte, ohne überlieferte Tradition, dem die Schule einen neuen Blick auf das Leben öffnet – und gleichzeitig die Scham über die eigene Herkunft befeuert.

Zuschauer werden hineingezogen

Das Zusammenspiel von Camus’ melodischer Sprache, Króls Stimme und Gestik und der Musik von Christoph Dangelmaier zog den Zuschauer hinein ins Algier der 1920er, ließ ihn beinahe die Hitze und Schwüle spüren, befeuerte das Kopfkino. Akkordeon, Gitarre, Oud, Klarinette und Schlagwerk wetteiferten mit Króls sonorer Stimme, emotional, mitreißend, zu Tränen rührend. In einem Roman, in dem es um den Zugang zu Bildung geht, die Entdeckung der Worte, der Sprache und der Geschichten als Zugang zur Welt, war dies vielleicht beizeiten zu viel, trübte aber den Genuss des ebenso kurzweiligen wie intensiven Abends nicht.

(sj)
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