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Neuer Roman von Monique Roffey: Jagd auf die Meerjungfrau

Neuer Roman von Monique Roffey : Jagd auf die Meerjungfrau

Der Fischer David rettet eine Meerjungfrau vor ihren Verfolgern. Mit ihrer Erzählung aus den Tropen gelingt Monique Roffey ein großes Buch über Identität und die Liebe zwischen sehr unterschiedlichen Wesen. Wie zum Beispiel Männern und Frauen.

Es ist der vollkommen eigene Ton dieses Buches, der sofort gefangen nimmt. Ein Sound aus karibischen Wirbelstürmen, uralten Sagen und dem Wispern der Meerfrauen. Die Geschichte spielt 1976, einem besonders sturmreichen Jahr auf einer Karibik-Insel und ihrem verschlafenen Hafenort Black Conch. Der Fischer David Baptiste ist zum Angeln und Gitarrespielen in die „Murder Bay“ hinausgefahren, als er die Meerfrau Aycayia entdeckt, die in ihm sofort eine Mischung aus Angst, Begehren und Erstaunen weckt. Anders als die verkitschten Disney-Mermaid-Versionen ist diese Frau stark, groß, mit einem von Seepocken übersäten Fischschwanz ausgestattet, ihr Rumpf muskulös und kompakt, ihr schwarzes taudickes Haar wimmelt von Fischläusen, „Seetang, Anemonen und Schneckenhäusern“. Sie hat Rückenstacheln und ist „rot wie die Amerindians“. Ihre Kiemendeckel sehen aus, als könnten sie Finger abtrennen.

Unglücklicherweise sind „Yankees aus Florida“ zum Hochseeangeln auf der Insel und kaschen das Fischweib aus der See, wittern mit dem Jahrhundertfang den großen Reibach. David kann die Meerfrau vor ihnen retten und versteckt sie zu Hause, wo sie sich langsam in eine Landfrau verwandelt. Was sich nach abstrusem Kitsch anhört, kann Monique Roffey erzählen, ohne sich irgendwelches Fantasy-Schnickschnacks zu bedienen. Es ist ein buchstäbliches Abtauchen in ihre wunderbar lyrische und zugleich einfache Umgangssprache voller Wortneuschöpfungen, die die Übersetzerin Gesine Schröder mit viel Feingefühl ins Deutsche übertragen hat.

Allein wie die Autorin, die in London lebt und aus Trinidad stammt, die stundenlange Jagd der Yankees auf die Meerfrau beschreibt, wie diese kämpft, sich in die Tiefe flüchtet, seitlich abdreht, in Ruhe ausharrt, ist großartig, voller Spannung und erinnert an Hemingway-Szenen oder Herman Melvilles „Moby Dick“, diesmal erzählt aus weiblicher Sicht.

Monique Roffey: „Die Meerjungfrau von Black Conch“ (Tropen), 236 Seiten, 22 Euro.
Monique Roffey: „Die Meerjungfrau von Black Conch“ (Tropen), 236 Seiten, 22 Euro.

Das Urweibliche, das die Meerfrau Aycayia verkörpert, ist unbezähmbar, geheimnisvoll. Männer wie die Hochseefischer möchten es besiegen und dominieren. Dieses Wesen strahlt eine Sexualität aus, die sie anzieht und zugleich abstößt. Dagegen begegnet David Aycayia mit Zärtlichkeit und Liebe, doch auch er muss erkennen, dass er dem Meerwesen Gewalt antut, wenn er es für sich behalten möchte.

Es gibt dieses traurige nordische Märchen „Die kleine Meerjungfrau“ von Andersen. Ähnlich wie dieses alte Märchen, das voller tieferer psychologischer Bezüge ist, hat auch Monique Roffey Metaebenen eingebaut, die sich erahnen lassen, die aber nie die klar erzählte Geschichte überlagern.

Dieses Buch handelt auch von den bis heute spürbaren Wunden der Kolonialgeschichte in der Karibik, es handelt von alten Mythen, die sich die Bewohner mit Alkohol austreiben, es handelt von Domestizierung, aber auch vom Andersartigen, das Ängste schürt und zugleich fasziniert. Es ist ein großes Buch über Identität und die Liebe zwischen sehr unterschiedlichen Wesen. Wie zum Beispiel Männern und Frauen.