Ikone des Klimaschutzes: Greta Thunberg zwischen Klima und Erkrankung

Ikone des Klimaschutzes : Greta Thunberg zwischen Klima und Erkrankung

Greta Thunberg ist zur weltweiten Ikone des Klimaschutzes geworden. Ihre Familie beschreibt in einem Buch, welch langer Weg dem zugrunde liegt und welche Rolle Gretas Krankheit spielt.

Man könnte Greta Thunbergs Geschichte anhand ihrer Etappen im Kampf für das Klima beschreiben: Erst der Beginn ihres Schulstreiks in Stockholm. Dann ihre Rede auf der UN-Klimakonferenz in Kattowitz und ihr Auftritt auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Ihre Teilnahme an „Fridays for Future“-Klimaprotesten in Städten wie Hamburg und Berlin, ihre Ansprache vor dem Umweltausschuss des Europaparlaments in Straßburg, ihr Handschlag mit dem Papst.

„Szenen aus dem Herzen. Unser Leben für das Klima“ liefert nun etwas ganz anderes. In dem Buch zeichnet die Familie der jungen Klimaaktivistin den Weg bis zu dem Moment nach, als die Schülerin mit ihrem Vater ein Stück Sperrholz besorgt, aus dem ein Protestschild mit der Aufschrift „Skolstrejk för klimatet“ (Schulstreik fürs Klima) werden soll. Damit will sich das Mädchen alleine vor den Reichstag in Stockholm setzen, um die Politiker ihres Landes zur Einhaltung der Pariser Klimaziele aufzufordern. Was seitdem passiert ist, ist allgemein bekannt.

Die schwedische Erstausgabe des Buches ist bereits kurz nach Beginn des Schulstreiks im August 2018 erschienen. Dass Thunberg mit ihrer Protestaktion weltberühmt werden würde, war zu dem Zeitpunkt in keiner Weise absehbar. „Nein, Mama“, sagt das Mädchen selbst in dem Werk, das aus der Sicht ihrer Mutter Malena Ernman geschrieben wurde, „so jemand wie ich wird die Welt nicht retten. Denn auf so jemanden wie mich hört niemand.“ Auch Thunberg selbst glaubte offensichtlich nicht daran, was sie mit ihrem Protest auslösen würde. „Es ist unglaublich, dass sich meine Aktion so weit verbreitet hat“, sagte Thunberg zu Jahresbeginn.

Was so vielleicht die Geschichte der Familie einer Opernsängerin – der Mutter von Thunberg – geworden wäre, erzählt nun vielmehr die Geschichte der Familie des derzeit wohl bekanntesten Mädchens der Welt. Seit Beginn ihres Schulstreiks ist die heute 16-Jährige zur weltweiten Klimaikone geworden, zu Schwedens Frau des Jahres gekürt und für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden. Reporter der größten Medienhäuser der Welt reisen regelmäßig in Stockholm an, um sie zu interviewen. Währenddessen demonstrieren weltweit Abertausende Schüler und junge Erwachsene nach ihrem Vorbild für mehr Klimaschutz.

Greta & Svante Thunberg, Beata & Malena Ernman: Szenen aus dem Herzen. Unser Leben für das Klima , 256 Seiten, 18 Euro, S. Fischer. Foto: dpa

Das Buch wurde nun in neun Sprachen übersetzt. Es handelt – das macht schon der Zusatz „Unser Leben für das Klima“ klar – von der Klimakrise. „Einer Krise, die wir Menschen durch unseren Lebensstil herbeigeführt haben: fernab von Nachhaltigkeit, losgelöst von der Natur, von der wir ein Teil sind“, wie Mutter Malena schreibt. Sie kommt zu dem Schluss: „Das Fest ist vorbei. Das Spiel ist aus.“ Tochter Greta wird mit den Worten zitiert: „Das hier ist ein Buch über das Klima, und es muss traurig sein. Das müssen sie aushalten.“

Wer aber ein Buch ausschließlich über das Klima erwartet hat, der wird überrascht sein. Denn das dünne Werk hat zwei weitere Ebenen: Zum einen ist da die Karriere von Ernman, einer in Schweden bekannten Opernsängerin, die ihre Abba-Nation vor zehn Jahren sogar einmal beim Eurovision Song Contest vertreten hat. Andererseits bietet „Szenen aus dem Herzen“ intensive Einblicke in eine Familie, bei deren Kindern psychische Erkrankungen diagnostiziert werden. Obwohl es mit seinen 250 Seiten kein Epos ist, liefert das Werk dabei überraschend tiefgründige Einsichten in das Leben einer Familie, die sich über Jahre am Maximum der Belastbarkeit befindet.

Greta Thunberg erfährt im Grundschulalter vom Klimawandel und den Auswirkungen des menschlichen Handelns auf den Planeten. Sie lernt Dinge, die die Generation ihrer Eltern so fleißig ignoriert hat. Sie beginnt, sich Sorgen zu machen. Greta lacht nicht mehr, redet nicht mehr, isst nicht mehr – eine Alptraumvorstellung für jede Mutter und jeden Vater. Nur der Familienhund Moses hilft, damit Greta mit dem Weinen aufhört. Nach langen Monaten mit zehrenden Momenten am Esstisch und in Kinderkrankenhäusern dann der erleichternde Satz der Tochter: „Ich will wieder anfangen zu essen.“ Dann geht das Drama von vorne los – mit Gretas jüngerer Schwester Beata.

Währenddessen erkennt die Familie mit Gretas Hilfe immer stärker, wie schlecht es ums Klima steht. Greta bringt ihre Eltern dazu, mit dem Fliegen aufzuhören – für eine Opernsängerin kein leichtes Unterfangen. Aber sowohl Klima als auch Krankheitsbilder werden zum festen Bestandteil des Familienlebens. „Es geht um ausgebrannte Menschen auf einem ausgebrannten Planeten“, schreibt Ernman und kommt zu dem Schluss, Krankheiten wie Autismus und ADHS seien an sich kein Handicap, sondern manchmal sogar eine Superkraft.

Mehr von Aachener Zeitung