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„Draußen gehen“ von Christian Sauer: Gehen, denken, zu sich finden

„Draußen gehen“ von Christian Sauer : Gehen, denken, zu sich finden

Für Christian Sauer war das Unterwegssein in der Natur schon immer von großer Bedeutung. Nun hat er ein Buch darüber geschrieben – kein Ratgeber, sondern eine Anleitung zur Selbsterfahrung.

Christian Sauer ist nicht gerade der Typ des wettergegerbten Naturmenschen oder zähen Wanderburschen. Der Publizist, Weiterbildungsdozent und Coach aus Hamburg war ursprünglich als Journalist unterwegs. Schon als Kind ist er allerdings gewandert – durch das westfälische Sauerland. „Damals ahnte ich noch nicht, wie mich der Dialog mit der Landschaft einmal zu mir selbst bringen würde“, sagt er. Ein Buch darüber? Sauer ist zwar ein geläufiger Schreiber, doch je näher ihm eine Materie ist, umso schweigsamer wird er. Sein neues Werk hat den knappen Titel „Draußen gehen“. Der Untertitel ist schon etwas etwas aussagekräftiger: „Inspiration und Gelassenheit im Dialog mit der Natur“.

Sauer ist ein gelassener Mensch, heiter, interessiert an seinem Umfeld, ein geübter Beobachter, kommunikativ. Aber stets bleibt eine Art unsichtbare Schutzzone. Wer mit ihm draußen geht, der schweigt. Ohne, dass Sauer dazu auffordert. Mit festem Schritt zeigt er zum Beispiel in Aachen, dass es keine Ausrede ist, wenn man sagt: „Landschaft? Klar, gern. Aber ich lebe doch in der Stadt. Bis ich mal in der Eifel oder sonst wo bin …“ Gilt nicht.

Entschlossen steuert Sauer von der Stadtmitte aus den Lousberg an. Es geht zügig bergauf, still, ohne zwischendurch stehenzubleiben. „So sollte man gehen, nicht zu flott, nicht im Schlenderschritt“, betont er. „Wenn man an Schaufenstern vorbeikommt – nicht verweilen!“ Aus den Wiesen und Steinstufen am Kloster Salvatorberg steigt der Duft von Erde, Laub und Grün auf, Vögel huschen durch die Büsche, tief unten schweigt das Rauschen des Autoverkehrs, die Mittagsglocken läuten in der Stadt. Im Schweigen kommen sie näher.

Sein Buch „Draußen gehen. Inspiration und Gelassenheit im Dialog mit der Natur“ (176 Seiten, 29.80 Euro) ist im Verlag Hermann Schmid erschienen. Foto: ZVA/Harald Krömer

Auch in seinen Texten herrschen sinnliche Eindrücke vor, Gedanken, Beobachtungen im Gelände. „Ich möchte die Leser mitnehmen, ihnen erzählen, was ich beim Gehen erlebe“, meint er. Ein Ratgeber? Nein, Sauer lächelt. Was sich in langen Regalen der Buchhandlungen findet, entspricht nicht seiner Persönlichkeit, obwohl er gern „Rat gibt“, nicht zuletzt in seinen Coachings. „Es ist wichtiger, dass Menschen von sich selbst etwas erfahren“, sagt er vorsichtig. „Es gibt keine Rezepte, Ratgeber mit Stichworten und To-do-Listen legt man aus der Hand.“

Christian Sauer geht. Spürt, wie ihm warm dabei wird, wie sich ein Rhythmus der Schritte einstellt, sich der Waldweg weich oder steinig unter den Sohlen anfühlt, die Asphaltstraße aufwärts oder abwärts führt, vielleicht Eis und Schnee knirschen und zur Vorsicht mahnen. Es gibt „Bruchsteine“, der Autor nennt sie die „Drinnen-Perspektive“. Sie entwickelt sich erst nach einer Wanderung, dem „Draußengehen“.

Gehen ist seine – eine – Reflexionshilfe, „es steckt in den Genen des Menschen“, betont Sauer. „Unser Denken hat sich erst in Wechselspiel mit dem Gehen ausgebildet.“ In seinem Buch nimmt er den Leser erzählend in seinem „wir“ mit, mal sind es Freunde, dann wieder die Ehefrau, die er wandernd kennenlernte, oder jemand aus der Familie, die an seiner Seite gehen. Häufig allerdings ist Sauer allein.

Frühe Faszination

Die Faszination fürs Wandern kam früh. „Ich kann nicht so tun, als sei ich der erste Mensch, der sich wandernd besinnt“, betont er und erzählt vom knorrigen Wanderlehrer Hannes, der sich dem damals 13-jährigen Christian tief einprägte – „uralt, also etwa 50“ sagt er selbstironisch. Hannes war sein Pensionswirt in Unterjoch im Allgäu. Von ihm hat er das langsame Gehen gelernt, aufwärts, Schritt für Schritt, stets „mit dem ganzen Fuß“. Hannes führte ihn zu Felsgipfeln, und nach etwa 50 Jahren geht Hannes jetzt auch unsichtbar mit auf den Aachener Lousberg, Schritt für Schritt.

Schmerzlichen Ereignissen ist Sauer gehend begegnet, dem Tod seiner Eltern etwa. Was im Schmerz denken? „Ich bin gegangen, da wurden meine Gedanken frei, die Trauer, die wertvollen Erinnerungen“, betont er aus eigener Erfahrung. In Andalusien kam er wandernd seinem Vater nah, der 1944 als deutscher Gebirgsjäger in den französischen Alpen kämpfen musste – mit allem Schmerz und dem Grauen des Krieges. Christian Sauer machte so seinen Frieden mit dem Vater.

Im Buch gibt es zwar Kapitelüberschriften, aber grundsätzlich heißt es für den Leser: mitkommen, sich auf Überraschungen einlassen, Raum schaffen. Denn das will Sauer Menschen mitgeben, so will er schreiben. Dabei mahnt der Autor: „Es geht nichts über die eigene Erfahrung!“ Wer in Büchern über Pilgerwege oder Weitwanderungen schmökert, verpasst das unbeschreibliche persönliche Erlebnis“, versichert er. „Gehen und Gehirn“ – eine feste Einheit, seit Urzeiten. Wer auf die Orientierung achte, aktiviere ein räumliches Sicherheitsprogramm, ein archaisches Wahrnehmungssystem.

Sauer selbst weiß nie, wann ihn bei einem Aufbruch in die Landschaft der „Flow“ erreicht, das gute Gefühl, dass alles fließt, die Füße von allein vorwärtsstreben, die Gedanken frei werden und sich der „Knoten“ löst, den man zuvor noch etwa bei der Arbeit empfunden hatte. Das kann bei einer Fernwanderung sein, aber genauso beim einfachen Spaziergang im Stadtpark. Körper und Geist aus Problemzonen befreien – das war auch in Sauers Leben häufig nötig. Der Weg vom Journalisten, der sein Volontariat beim „Tagesspiegel“ in Berlin absolvierte, zum Mitgründer des Magazins „chrismon“ bis zum heutigen Berater von Verantwortungsträgern in Medienunternehmen, denen er das „Führen auf Augenhöhe“ nahebringen möchte, war weit.

Das Gegenüber erfassen

Sauer erspürt sein Gegenüber – genauso wie eine Landschaft. Da ist der Wind, der auffrischt, wenn man aus einer Siedlung ins freie Feld gelangt, aber auch die Wärme der Häuser, wenn man zur Stadt, zum Dorf zurückkehrt. Dabei feiert er das Gehen, die Wanderung, das Draußensein nicht mit der rosaroten Brille. Im Gegenteil. „Wenn das Wasser in die Schuhe läuft, ist das alles andere als angenehm oder Bewusstsein erweiternd“, gesteht er. Und es ist ihm schon passiert, dass er eine Tour unterschätzt hat oder hinterher komplett erschöpft war. Schnupfen und Muskelkater – mag sein. Aber das Gehen ist ihm wichtiger.

Mit Tipps oder Merksätzen darf man im Buch und bei Christian Sauer nicht rechnen. Er schreibt poetisch, sagt aber: „Probiere es einfach aus. Gib den Körper frei.“ Und nach einer stillen Wanderung, bei der man manchmal (wie im Beruf) den eigenen Ehrgeiz zügeln sollte, steht unbedingt das Erzählen, der Austausch mit anderen, oft noch beim Trinken und Essen während der Wanderung. Denn, wie Sauer sagt: „Rasten ist Atem-Meditation.“