„El Greco und ich“ von Mark Thompson: Für ein Genie gelten andere Regeln

„El Greco und ich“ von Mark Thompson : Für ein Genie gelten andere Regeln

Wunderbar! Tom Rachman hat ein neues Buch veröffentlicht. Vor gut vier Jahren erschien sein erster Roman „Die Unperfekten“. Hier widmete er sich dem sterbenden Zeitungsmarkt.

Später kümmerte er sich in „Aufstieg und Fall großer Mächte“ um den scheinbar verstaubten Buchhandel, und jetzt ist der Kunstmarkt sein Thema. Naja, natürlich nicht nur der Kunstmarkt, sondern vor allem auch eine beeindruckende Vater- Sohn-Geschichte, die betroffen macht, die man aber hoffentlich auch lieben wird.

Bear Bavinsky ist in den 50ger Jahren ein ziemlich angesagter Maler. Seine unkonventionellen, farbigen und großformatigen Aktmalereien begeistern die Kunstelite und die Galerien. Die ambitionierten Werke verkaufen sich großartig und er sich selbst auch. Ein attraktiver Hüne ist er, herzlich, spendabel und unkonventionell. Auf dem intellektuellen Parkett bewegt er sich mit Grandesse, aber auch mit der angesagten Ungezogenheit. Ein herrlich funktionierendes Konzept. Man liegt ihm zu Füssen. Kritiker, Käufer und Frauen himmeln ihn an. So lässt es sich behaglich leben.

Moral, Gier, Schein und Sein

Bear ist von seiner Genialität fest überzeugt, und ebenso davon, dass ein herausragender Künstler sich nicht um geltende moralische Verpflichtungen wie Liebe, Verantwortung oder Anstand kümmern muss. Sohn Charles (genannt Pinch) stammt aus dritter Ehe mit Natalie. Aus seiner Perspektive wird die ganze Geschichte um Moral, Geldgier und Liebe und Verlassenheit, um Schein und Sein erzählt.

Zunächst wächst Pinch in der Familie recht glücklich auf. Mutter Natalie sorgt sich um die Alltagsprobleme, obwohl sie sich ganz gerne auch um ihre Karriere als Tonkünstlerin gekümmert hätte. Bear taucht gelegentlich auf und verzaubert seine derzeitige Kleinfamilie mit seinem Charme, dem auch Pinch immer wieder erliegt. Er findet seinen Vater wunderbar und möchte genauso werden wie er. Heimlich beginnt er zu malen und traut sich erst sehr spät, diesem sein Werk zu zeigen. „Du wirst niemals ein Künstler werden“, lautet der lapidare Kommentar, und Pinch ist natürlich am Boden zerstört.

Inzwischen hat Bear längst seine Familie verlassen und sich diversen anderen Musen zugewandt. Sorglos lässt er, je nach Laune, die nunmehr alleinerziehenden Mütter zurück, ohne sich um deren psychischen und finanziellen Zustand zu sorgen. Für ein Genie gelten eben andere Regeln! Um seinen Nachwuchs kümmert er sich nicht, einzig zu Pinch, den er als seinen Lieblingssohn bezeichnet, hält er losen Kontakt. Pich hat sich mit der vom Vater beschlossenen Mittelmäßigkeit abgefunden. Er verdingt sich als Italienischlehrer und ist damit gar nicht so unglücklich. Die Arbeit findet er gar nicht so schlecht. Wenige Freunde hat er, aber das sind echte Freunde. Eine schöne Liebesbeziehung geht in die Brüche, aber er blickt mit einem guten Gefühl darauf zurück.

Wirft einen sarkastischen Blick auf die Welt der Künstler und Galeristen: der britisch-kanadische Schriftsteller Tom Rachman. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa/Fredrik von Erichsen

Alles ändert sich, als Bear plötzlich stirbt. Er hat Pinch zum Testamentsvollstrecker bestimmt, und der sieht sich plötzlich mit den diversen Ansprüchen seiner 16 Halbgeschwister und den diversen Exehefrauen konfrontiert. Bear ausschweifender Lebensstil und sein sinkender Stern am Künstlerhimmel lassen die finanzielle Hinterlassenschaft mager aussehen. Pinch muss sich etwas einfallen lassen. Und er kommt auf eine Idee, die ihm Spaß macht und dem Roman ein furioses Finale beschert. Darüber wir natürlich nichts verraten. Es ist toll, warmherzig und richtig verrückt. Pinch wächst über sich hinaus.

Tom Rachman war jahrelang als Auslandskorrespondent der „Associated Press“ tätig. Er konzentriert sich auf seine Protagonisten, deren Lebensgeschichten und die Glaubwürdigkeit. Wahrlich, das gelingt ihm ausgezeichnet. „Die Gesichter“ liest sich süffig, rasant und spannend. Rachman kann begeistern, bewegen und nachdenklich machen. Ein großes Lob für einen großartigen Roman, der den Horizont öffnet.

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