Gelesen: „Eine Nacht, ein Leben“ von Sophie van der Linden

Gelesen: „Eine Nacht, ein Leben“ von Sophie van der Linden

Der Name des Mare Verlags ist Programm: Seine Bücher haben fast immer mit dem Meer zu tun. Auch in dem sehr feinen Buch der Französin Sophie van der Linden „Eine Nacht, ein Leben“ ist die Hauptdarstellerin eine Insel, irgendwo vor der Bretagne.

Das besondere an diesem kunstfertigen und im wahrsten Sinne des Wortes bildschönen Buches ist, dass Van der Linden es durch ihre Sprachkunst schafft, den Leser mit auf die Insel reisen zulassen.

Beim Lesen riecht man förmlich die salzige Luft, man spürt den Wind im Gesicht. Das alles ist von einer feinen Melancholie umgeben – fast so wie ein Nebel, der über einer Insel liegt.

Van der Linden erzählt die Geschichte einer unerfüllten Liebe. Der gerade aus dem Militärdienst entlassene Kupferstecher Henri reist zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Paris auf die Insel. Er ist auf der Suche nach Youna Talhouet, seiner Freundin, die vor drei Jahren den Kontakt abrupt abgebrochen hatte.

Henri weiß nicht warum und träumt nun davon, dass sie sich aussprechen, wieder zusammenkommen und vielleicht sogar gemeinsam auf der Insel leben werden. Henris Hoffnungen werden allerdings enttäuscht, die Entscheidung Younas, alleine leben zu wollen, scheint unwiderruflich. Tatsächlich ist ihre Begegnung nur kurz, fast oberflächlich.

Die Geschichte von Henri und Youna bildet den Hauptweg des Romans. Aber van der Linden beschreitet noch viele kleine Nebenwege. Immer wieder flicht sie fast übergangslos Geschichten ein. Ein kleines Mädchen sperrt eine Katze in eine Schublade, nur um sie danach ausgiebig trösten zu können. Drei Kindern spielen Verstecken und quälen ein viertes Kind, bis es sich in die Hose macht. Oder die Geschichte des deutschen Juden, der auf einem Handelsschiff anheuert, um sich vor der Gewalt seiner Nachbarn zu retten. Die Autorin entwirft damit ein ungeheuer intensives Bild der Inselwelt.

Ein kleiner Kunstgriff verstärkt die Intensität zusätzlich: Die Autorin wechselt übergangslos von der Außen- in die Innenwelt ihrer Figuren. War gerade noch von Henris Spaziergang über eine Düne die Rede, beschreibt der nächste Satz seine Gedanken dabei. Am Ende verlässt Henri die Insel. Van der Linden gönnt ihm noch einen kleinen Hoffnungsschimmer, der aber von den Zeitläuften des 20. Jahrhunderts jäh zerstört wird.

(kri)
Mehr von Aachener Zeitung