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Roman „Es ist Sarah“: Eine Liebesbeziehung, die sich dramatisch entwickelt

Roman „Es ist Sarah“ : Eine Liebesbeziehung, die sich dramatisch entwickelt

Wenn der Beginn einer Liebe schon als Sturm beschrieben wird, kann er nur in einem Gewitter enden. In „Es ist Sarah“ beschreibt die hochgelobte französische Nachwuchsschriftstellerin Paulinde Delabroy-Allard eine leidenschaftliche Beziehung, die sich dramatisch entwickelt.

Die Ich-Erzählerin ist Gymnasiallehrerin, kümmert sich um ihre vierjährige Tochter. Ihr Mann hat sie von einem Tag auf den anderen verlassen. Sie hat zwar einen namenlosen Lebensgefährten, den sie aber nicht liebt. Sie fühlt sich in einer Art Zwischenphase. „Ich bin gut gekleidet, höflich, charmant. (.­.­.) Es heißt, ich sei nett, aufmerksam gegenüber anderen.“ Nur lebendig fühlt sie sich nicht.

Und dann tritt das lebendigste Wesen, das ihr je begegnete, in ihr Leben: Es ist Sarah. Bei einer Silvesterparty lernt die Ich-Erzälerin Sarah kennen. Sie ist zwar laut und macht unpassende Witze, aber faszinierend. Und vor allem beeindruckt die Erzählerin eines: Sie ist lebendig. Immerfort kehrt diese Phrase wieder.

Der Roman ist in kurzen Abschnitten verfasst. Er hat keine langen Kapitel, sondern 132 Paragrafen. Wie ein Bewusstseinsstrom prasseln die Empfindungen der jungen Frau auf den Leser ein – mal stichwortartig klar, mal ganz poetisch. Etliche Passagen bestehen aus Aufzählungen dessen, was Sarah ist. Sie ist 35, Violonistin, zierlich, trägt Kleidung in Größe 36, sie trägt nur String, fast nie BH, sie trinkt viel, sie ist von „unerhörter Schönheit“. „Sie riecht nach blauem Leder und stürmischer Lust.“ Und so weiter.­.­.

Nach wenigen freundschaftlichen Treffen werden die Frauen ein Paar. „Sie ist eine Offenbarung, ein Lichtstrahl, eine Epiphanie“, heißt es. Oder in Paragraf 24: „Nicht bei ihr zu sein wird sinnlos nach der ersten Nacht.“ Für die Ich-Erzälerin existiert das äußere Leben fortan nicht mehr. Sie will jede Sekunde mit Sarah verbringen, mag kaum mehr ihrem Beruf als Lehrerin nachgehen und meldet sich immer häufiger krank.

Delabroy-Allard liefert wunderschöne Liebesbeschreibungen. In der Romantik hätte man dieses Empfinden wohl als die wahre Liebe bezeichnet, in der heutigen Zeit aber eher als etwas Krankhaftes, Obsessives. Tatsächlich tun sich die beiden Frauen nicht (nur) gut. Die Ich-Erzählerin ist abhängig von Sarah. „In unserem Sturm ist die der Kapitän. Ich werde Seemansfrau.“ Sie ordnet sich ihr unter. Sarah wiederum ist launisch. Lässt Gemeinheiten an ihrer Freundin aus, indem sie ihr beispielsweise vorwirft, sie sei eine „Hexe“ und würde Sarahs Jugend vergeuden. Sarahs Wut hat auch damit zu tun, dass ihre Eltern die Beziehung der beiden Frauen nicht akzeptieren.

Diese Auseinandersetzungen machen der Ich-Erzählerin so zu schaffen, dass sie in einer Szene gar den Notarzt wegen Schmerzen in der Brust anruft, die sich tatsächlich nur als Liebeskummer erweisen.

Delabroy-Allards Roman, der eine Liebe vom Beginn, der Geburt, bis zum Tod begleitet, ist eine Offenbarung. Der Stil macht das Buch besonders, interessant und mitreißend. Völlig zu Recht war das Debüt der Französin für den wichtigsten französischen Literaturpreis, den „Prix Goncourt“, nominiert. Lesen!

(mgu)