Roman „Schwarzer Leopard, roter Wolf“: Ein Sucher mit besonderem Auftrag

Roman „Schwarzer Leopard, roter Wolf“ : Ein Sucher mit besonderem Auftrag

Ein klassisches Heldenepos in moderner Form legt der amerikanische Bestsellerautor Marlon James mit seinem neuen Roman „Schwarzer Leopard, roter Wolf“ vor.

Die Rahmenhandlung entspricht dabei alten Erzähltraditionen, denn ein außergewöhnlicher Mann soll einen ungewöhnlichen Auftrag erfüllen. Dass allerdings weitaus mehr als eine einfache Geschichte auf die Leser wartet, verrät schon ein erster Blick in das mehr als 800 Seiten lange Buch. Ganz am Anfang findet sich eine Liste mit den „Figuren der Erzählung“. Sie ist vier Seiten lang und umfasst 85 Einträge, darunter so ungewöhnliche wie „Sogolon, die Mondhexe“ oder „Gommiden, zuweilen freundliche Waldwesen“.

Die wichtigste Figur des Romans aber ist Sucher. Wie so viele Figuren des Romans verfügt auch er über außergewöhnliche Fähigkeiten. Bei ihm ist es ein ganz besonderer Geruchssinn, mit dessen Hilfe er aufspüren kann, wer und was einmal an einem Ort war, aber längst verschwunden ist. In „Schwarzer Leopard, roter Wolf“ erzählt Sucher von dem besonderen Auftrag, den er zu erfüllen hat. In Zeiten großer politischer Unsicherheiten soll er einen kleinen Jungen finden. Wer dieses Kind ist, wer es hat verschwinden lassen und warum es so wichtig ist, bleibt Sucher ebenso unklar wie die eigentliche Identität der Auftraggeber.

So nimmt Sucher wie die klassischen Helden der Antike sein von oben verordnetes Schicksal an und macht sich an der Spitze einer ungewöhnlichen Gruppe auf die Suche nach dem Kind. Schnell wird klar, dass die Handlung in einer sehr eigenartigen Welt spielt. Auch wenn die einzelnen Teile des Romans von selbstgezeichneten Karten eingeleitet werden, so ist die Handlung geografisch nur schwer einzuordnen. Am ehesten käme Westafrika als Handlungsort infrage, zeitlich angesiedelt weit vor dem Kontakt mit Europäern.

Eine allzu genaue Bestimmung von Ort und Zeit wäre der Handlung aber auch nicht angemessen. Immerhin betont Sucher schon ganz am Anfang der Erzählung: „Die Wahrheit frisst die Lüge, wie das Krokodil den Mond frisst.“ Und ebenso präzise sind alle anderen Angaben, genau wie bei einem klassischen Heldenepos.

Die Suche nach dem verschwundenen Kind liefert allerdings nur die Rahmenhandlung. Immer wieder baut Marlon James neue Handlungsstränge in die Erzählung ein, in denen die Mitglieder von Suchers Expedition mal größere und mal kleinere Rollen spielen. Zusätzliche Komplexität gewinnt der Roman dadurch, dass die Figuren nicht immer diejenigen bleiben, als die man sie kennengelernt hat. Identität ist im Roman nichts Festes, sondern etwas sich stets Änderndes und Unvorhersehbares.

Immer wieder neue Handlungsstränge bereichern den Roman, aber sie alle vereint ein großes Maß an Gewalt. Schon in seinem Erfolgsroman „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ hatte James eine gewalttätige Gesellschaft in seinem Herkunftsland Jamaika beschrieben. Die Fantasiewelt im neuen Roman ist noch brutaler. Für viele Leser könnte James zu weit gegangen sein. (axk)