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Neuer Roman von Jan Faktor: „Trottel“: Ein Sprach- und Stadt-Panoptikum

Neuer Roman von Jan Faktor: „Trottel“ : Ein Sprach- und Stadt-Panoptikum

Der Roman „Trottel“ von Jan Faktor überzeugt als experimentelle Autobiografie – mit hunderten Fußnoten. Nominiert für den Deutschen Buchpreis.

Ambivalent, übermütig, autobiografisch, klug, gewitzt, geschwätzig, tragikomisch, peinlich und peinigend - allesamt passende Attribute, die Jan Faktors neuen Roman „Trottel“ treffend beschreiben. Der 1951 in Prag geborene Jan Faktor übersiedelte der Liebe wegen nach Ost-Berlin.

Dieser zweite Teil seines Lebens wird zu einer traurigen wie tragikomischen Familiengeschichte und mündet in den Roman „Trottel“ – nominiert für den diesjährigen Deutschen Buchpreis.

Den renommierten, mit 30.000 Euro dotierten „Wilhelm-Raabe-Literaturpreis“ hat er bereits kürzlich dafür erhalten.

 Jan Faktor: „Trottel“, 400 Seiten, 24 Euro, Kiepenheuer & Witsch.
Jan Faktor: „Trottel“, 400 Seiten, 24 Euro, Kiepenheuer & Witsch. Foto: Kiepenheuer & Witsch

Seine Jugend in der Nachkriegszeit der ehemaligen CSSR schilderte Faktor 2010 in Form eines autobiografischen Schelmenromans mit dem augenzwinkernden Titel „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensackbimbams von Prag“. Bereits damals war er für den Deutschen Buchpreis vorgeschlagen.

„Trottel“ hat Faktor zehn Jahre seines Lebens abverlangt. In einem Erzählstrom mit hunderten Fußnoten – die entweder komplett in die Irre führen oder neue Einblicke ins damalige sozialistische Leben in der DDR-Hauptstadt bieten – mündet vieles in die tragische Geschichte um den Freitod seines psychisch schwer erkrankten Sohnes.

Hier ist Faktor die ehrliche Haut, die sich die Trauer von der Seele zu schreiben versucht. Seine Prosa verdeutlicht an diesen Stellen eindringlich die Verzweiflung und Hilflosigkeit, die ihn und seine Frau beim Wegdriften des Sohnes überfällt.

Jan Faktors Selbstbezeichnung ist „Trottel“. Ein Jemand, der unter dem Radar seiner Mitmenschen läuft, ein Narr, ein Schelm, dem für diesen Roman der klassische Erzählstrang vollkommen wurscht ist und der das Kiepenheuer & Witsch-Lektorat in die Verzweiflung getrieben haben muss.

Faktor überdreht ständig, erfindet zahllose Wortspielereien, erschafft blühende Phantasielandschaften, kultiviert seine Verehrung für die Band „Rammstein“ mit pseudo-wissenschaftlichem Unterbau, zeichnet aber ebenso und nebenbei ein Soziogramm der politisierten Prenzlauer Berg-Bohème: ständig bespitzelt von der Stasi, sich Wohnraum schaffend, indem ungefragt Wände von Vorder- zu Hinterhäusern solidarisch eingerissen werden.

Eine Lebenswelt, die rein gar nichts mit dem heutigen saturierten Bezirk in Berlin gemein hat.