„Ein Sohn ist uns gegeben – Commissario Brunetti“ von Donna Leon

„Ein Sohn ist uns gegeben“ : Commissario Brunetti ermittelt bereits zum 28. Mal

Das Problem erscheint ein wenig bizarr: Wohin mit meinem Vermögen nach meinem Tod? Doch für den über 80-jährigen kinderlosen, stinkreichen Gonzalo Rodríguez de Tejeda stellt sich genaue diese Frage.

Mit seiner spanischen Familie hat sich der in Italien lebende Adlige überworfen. Niemand aus seiner Sippe soll erben, hat er entschieden. Stattdessen erwägt er auch gegen den Rat und Widerstand von Freunden und Anwälten, einen etwa 40 Jahre jüngeren Mann zu adoptieren. Tatsächlich aber ist der junge Mann sein Liebhaber, was die Spekulationen über dessen Motive ins Kraut schießen lässt und somit wirklich zum Problem wird.

„Ein Sohn ist uns gegeben“: Mit diesem neutestamentarischen Zitat (Jesaja 9,5) überschreibt Donna Leon ihren neuen Brunetti-Roman, der zu einem großen Teil und einmal mehr ins private Umfeld des venezianischen Commissario führt. Eher widerwillig lässt er sich im Auftrag seines Schwiegervaters, des Conte Falier, dafür einspannen, Nachforschungen über den charmanten Attilio Circetti, Marchese di Torrebardo, anzustellen. Denn der Conte ist einer der besten Freunde Gonzalos und erwartungsgemäß gegen die Adoption.

Brunetti widerstrebt es, nach unlauteren Motiven Attilios und Flecken auf dessen scheinbar weißer Weste zu suchen, obwohl auch er vermutet, dass der Marchese sich durch eine Adoption seine Liebesdienste mit dem alten Mann vergolden lassen möchte. Auch Brunetti ist mit Gonzalo befreundet, und seine Frau Paola das Patenkind des Galeristen. Aber hat er ein Recht, sich einzumischen? Er tut es und muss es schließlich auch ganz offiziell, denn etwas läuft gewaltig schief. Und das hat weniger mit Geld zu tun, sondern vor allem mit Ethik und Moral.

Das ist ein gutes Feld für Donna Leon. Ihre eigene humanistische Bildung gibt sie gern an die Brunettis weiter. Und so brilliert der Commissario mit tiefgründigen Gedanken über Gewalt an Frauen und der Ohnmacht Besiegter, ja über die Sinnlosigkeit von Kriegen im Allgemeinen und Besonderen. Doch dieses Mal hilft die klassische Lektüre nicht – im Gegenteil. Also muss eine Comic-Serie Abhilfe schaffen, bis Brunetti merkt, dass die auf ihre Weise ebenso ein Anti-Kriegsbuch ist.

Leons Ausflüge in philosophische Gefilde sind nicht etwa ein in Spannung abbauendes Abdriften, sondern sie machen die Stärke nicht nur dieses Buches der Amerikanerin aus. Sie verstärken den Effekt, menschliche Gier in der Vergangenheit mit dem heutigen Streben nach Macht und Wohlstand zu vergleichen und so die Motive für Untaten (oder Kriege) besser zu erkennen und zu verstehen, ohne sie gutzuheißen. Das heißt im Klartext: Der 28. Fall für Guido Brunetti ist spannend, aktuell und wieder einmal unwiderstehlich sympathisch in all seiner Komplexität.

Dazu gehören die klugen Kommentare der hochgebildeten Frau Brunetti, die erfreuliche Weiterentwicklung der beiden Kinder, die Freundschaft zu Vianello und Griffoni, Brunettis Kollegen, die für den aus der Unterschicht stammenden Polizisten nicht ganz einfach zu nehmende angeheiratete adlige Verwandtschaft, das vertrauensvolle Verhältnis zur pfiffigen und mitdenkenden Sekretärin Signorina Elettra, Brunettis Umgang mit dem harmlosen, aber elitär denkenden Vize-Questore Patta sowie Leons gern auch zwischen den Zeilen eingestreute Sicht auf die politischen Verhältnisse in Italien und weit darüber hinaus. Kurz: Unbedingt lesenswert!

(kab)