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„Ich will mich nicht verstecken“: Ein Brandopfer über ihre Alpträume und Beziehungen zu Männern

„Ich will mich nicht verstecken“ : Ein Brandopfer über ihre Alpträume und Beziehungen zu Männern

Das linke Auge zerstört, ein Ohr weggeätzt, die Hälfte von Gesicht und Hals starr und rot entzündet: In den ersten Wochen nach der Säure-Attacke ihres Ex-Freundes glaubte Vanessa Münstermann nicht, dass sie jemals wieder mit einem Mann Zärtlichkeiten austauschen würde. Heute ist die Frau aus Hannover Mutter einer acht Monate alten Tochter. Im Herbst will sie ihre Jugendliebe heiraten.

In ihrem Buch beschreibt die Kosmetikerin die Vorgeschichte des Verbrechens, für das ihr Ex-Freund eine zwölfjährige Haftstrafe wegen schwerer Körperverletzung verbüßt. Sie erzählt von Alpträumen, dem ersten Blick in den Spiegel, der Reha, dem Gerichtsprozess und Beziehungen zu Männern. „Ich habe meine Tagebücher abgegeben, ohne sie vorher noch einmal zu lesen“, sagt die Frau mit den widerspenstigen dunklen Locken. „Da stehen Sachen drin, worüber ich noch gar nicht reden kann. Ich wollte nicht larifari machen. Ich wollte echt sein.“

Mit Angst und Anspannung erwarte sie jetzt die Reaktionen, erzählt die junge Frau, die am Dienstag 30 Jahre alt wird. Ein Jahr nach dem Anschlag, der sich am 15. Februar 2016 ereignete, gründete Vanessa den Verein „AusGezeichnet“, um Brandopfern und anderen Entstellten zu helfen.

Das 288-seitige Buch verfasste Münstermann mit Regina Carstensen, die laut Verlag zuvor mit Autoren wie Torwart Oliver Kahn und Schauspielerin Allegra Curtis gearbeitet hat. In Telefonaten und bei Treffen rekonstruierten beide den Gerichtsprozess, der in den Tagebüchern fehlt. Zudem beschrieb die junge Mutter, wie es ihr mittlerweile geht: „super-glücklich, aber chronisch übermüdet“. Ghostwriterin Carstensen sagt über die junge Frau: „Mich hat beeindruckt, wie selbstbestimmt sie eigene Entscheidungen trifft und dass sie ein großes Herz für andere hat.“

Ihr eigenes körperliches und psychisches Leiden spielt Vanessa Münstermann eher herunter. Schlafstörungen und Ängste hat sie seit dem Anschlag, Dutzende Operationen musste sie über sich ergehen lassen, weitere werden folgen. Das Buch sei in erster Linie an ihre Tochter gerichtet, betont die Autorin. Noch immer hat Vanessa Angst davor, dass der Täter sie umbringt, wenn er eines Tages aus dem Gefängnis kommt. Er schrieb ihr aus der Haft beleidigende Briefe. Im Herbst erstritt Münstermann vor dem Landgericht Hannover in einem Zivilprozess 250.000 Euro Schmerzensgeld. Allerdings ist der heute 37-jährige Täter nach Angaben seines Anwalts pleite.

Vanessa stellt sich in dem Buch selbst infrage. Sie wirft sich vor, in der sechsmonatigen Beziehung zu dem Täter nicht früher die Notbremse gezogen zu haben. „Ich bin lachend in die Kreissäge gelaufen“, sagt sie. Der Mann habe sie mit morgens heimlich in die Brotbox gesteckten Liebesbotschaften eingelullt und später mit Selbstmorddrohungen unter Druck gesetzt. Erst im Gerichtssaal erfuhr das Opfer von den 27 Vorstrafen des Attentäters und dessen von Gewalt geprägter Vergangenheit.

„Mein Tag war von Äußerlichkeiten bestimmt“, kritisiert Münstermann ihr früheres Ich. „Meine Wimpern wurden länger und bunter, mein Haar konnte nicht rot und wild genug sein, mein Make-up kleisterte jegliche Mimik zu. Zum Schluss erkannte ich mich selbst nicht wieder.“ Insofern sei die Zerstörung ihres hübschen Gesichts auch eine Befreiung gewesen: „Ab heute darfst du hässlich sein.“

(sti)