Doris Dörrie: „Leben, schreiben, atmen“, Diogenes

Anleitung zum Schreiben : Na los, schreibt mal über Euch!

Das Leben ist ein Roman und jeder Mensch Autor seines eigenen Daseins. Doris Dörrie hat eine Anleitung zum biografischen Schreiben verfasst. Die Lektüre lohnt sich.

Jeder Mensch sei ein Künstler, hat Joseph Beuys gesagt. Doris Dörrie geht noch einen Schritt weiter: Das Leben ist ein Roman und jeder Mensch der Autor seines eigenen Daseins. Deshalb sollte er zum Stift greifen und dieses Leben aufschreiben. Davon handelt ihr Buch. Es ist eine Anleitung zum Schreiben – wenn auch nicht im Sinn eines Ratgebers.

Dörrie ist als Regisseurin von Filmen wie „Männer“ oder „Kirschblüten – Hanami“ mit allen wichtigen Filmpreisen ausgezeichnet worden. Als Schriftstellerin ist sie weniger bekannt, dabei erscheinen ihre Romane und Erzählungen schon seit mehr als dreißig Jahren im Diogenes-Verlag. Ihr jüngstes Werk ist eine interessante Mischung aus Autobiografie und Schreibwerkstatt. Sie will ihre Leserschaft einladen, über sich selbst zu schreiben, und macht umgehend vor, wie das geht. S

chreiben, schreibt sie, sei wie eine Therapie, abwechselnd wunderbar und schmerzhaft, befreiend und tieftraurig, beflügelnd und deprimierend. Die meisten Menschen schreiben jedoch allenfalls Einkaufszettel; dabei könnte es so einfach sein, die eigene Welt als „Echo und Inspiration“ zu nutzen.

Auf den Spuren von Marcel Proust

Zunächst mal geht es ums Handwerkszeug. Die Autorin rät davon ab, sich zum Schreiben an den Computer zu setzen. Man soll vielmehr ganz klassisch zu Stift und Papier greifen, „weil die Hand wir selbst sind.“ Für den Anfang empfiehlt sie zehn Minuten, was womöglich einen ganz praktischen Grund hat: Mehr ginge gar nicht, weil die Hand müde wird. Das Schreiben auf einer Tastatur hat hingegen drei Vorteile: Wenn man geübt ist, geht es schneller; die Hände ermatten nicht; und man kann am nächsten Tag noch lesen, was man geschrieben hat.

Doris Dörrie: „Leben, schreiben, atmen“, 288 Seiten, 18 Euro, Diogenes. Foto: diogenes

Dörries zweite Empfehlung: bloß nicht nachdenken, einfach drauflos schreiben, selbst wenn zunächst bloß Blödsinn dabei rauskommt. Und vor allem keinen Gedanken daran verschwenden, was andere darüber sagen könnten, schließlich sind die Schriftstücke nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Andererseits: Was nicht ist, kann ja noch werden. Marcel Proust hat angeblich genau so gearbeitet; er nannte diese Technik „mémoire involontaire“, unwillkürliches Schreiben. „Was Proust kann, kann ich schon lange“, will Dörrie ihren Leserinnen und Lesern vermitteln, aber das soll kein Ausdruck von Anmaßung sein: Es geht nicht darum, „besonders toll, inspiriert oder originell zu sein“, sondern um die Schatzkiste des eigenen Lebens.

Vermutlich wird die Mehrzahl der Menschen der Meinung sein, dass der Roman ihres Lebens eher durchschnittlich und langweilig ist. „Das stimmt überhaupt nicht!“, würde Dörrie wohl entgegnen, und den Beweis tritt sie gleich selber an, indem sie aus ihrem eigenen Leben berichtet. Das ist zwar eher ungewöhnlich, schließlich ist sie Deutschlands bekannteste Filmemacherin. Aber zunächst schildert sie ganz normale Kindheitserinnerungen. In der Rückbesinnung auf scheinbar banale Ereignisse liegt tatsächlich der erste Zugang zum autobiografischen Schreiben, wie sich ganz leicht im Selbstversuch überprüfen lässt. Für die meisten Erwachsenen ist beispielsweise ein Waldspaziergang eher nichts, wovon sie erzählen würden. Versetzt man sich jedoch in die Perspektive eines Kindes, wird der Wald zu einem Ort voller Abenteuer und Geheimnisse.

Der Geruch von frisch gemähtem Gras

Viele der Anregungen wirken auf den ersten Blick unspektakulär: Schreibe über einen Geruch, ein Kleidungsstück oder deinen Körper, fordert sie die Leser auf; schreibe über deinen Vater, deine Mutter, deine erste Liebe. Aber die Aufgaben werden auch diffiziler, wenn es zum Beispiel ums Sterben geht oder – damit verwandt – um „Und dann“-Momente, als sich das Leben innerhalb eines Augenblicks geändert hat: Wer war man davor, wer danach? Dabei soll man auf abstrakte Ausführungen verzichten und sich lieber auf Details konzentrieren: Ein Satz wie „Es roch nach frisch gemähtem Gras“ sei doch ungleich sinnlicher als „Es roch nach Sommer“. Noch besser sei „Es riecht nach frisch gemähtem Gras“, denn wer das Präsens verwende, hole die Vergangenheit in die Gegenwart.

Schreiben soll man „ohne Ehrgeiz, ohne Ziel“. Man könnte sich irgendwohin setzen, in ein Café möglicherweise, und aufschreiben, was man sieht. Das klingt allerdings in der Tat ziemlich ziellos und passt nicht in unsere heutige rationale Zeit, in der alles möglichst sinnvoll und zweckhaft sein muss. Aber Dörrie will, dass man sich des eigenen Lebens vergewissert und zitiert einen Zen-Koan, der sich als Schlüssel zu allem entpuppt – zum Schreiben wie zum Leben: „Wer bist du, wenn dir keiner zuschaut?“ Das Tagebuch ist in dieser Hinsicht nicht nur der kürzeste und ehrlichste Weg, sondern auch die beste Möglichkeit, sich immer wieder aufs Neue zu bestätigen, wie reichhaltig ein vermeintlich glanzloses Dasein sein kann.

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