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Frankfurter Buchmesse: Die Redaktion empfiehlt acht Bücher aus Spanien

Frankfurter Buchmesse : Die Redaktion empfiehlt acht Bücher aus Spanien

Spanien ist Gastland bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Das gibt uns einen Anlass, auf Werke spanischer Autorinnen und Autoren zu blicken. Diese acht Titel finden wir bemerkenswert.

Spanischsprachige Bücher bilden einen der größten Buchmärkte der Welt. Zwischen 2019 und 2022 wurden rund 400 Titel aus dem Spanischen neu ins Deutsche übersetzt. Die große Vielfalt der spanischen Literatur lässt sich natürlich nicht auf einer Zeitungsseite abbilden. Aber wir haben in den Neuerscheinungen dieses Jahres gestöbert und diese acht Titel ausgewählt: vergnüglich, witzig, nachdenkenswert, traurig. Von Pubertierenden bis zu Alten gibt es spannende Protagonistinnen und Protagonisten. Besonders die Autorinnen haben aufgeholt und sind mit vielen wichtigen Büchern in Frankfurt und auf dieser Seite vertreten.

„Tage ohne Cecilia“ von Antonio Munoz Molina

In 52 kurzen, lose verbundenen Kapiteln begleiten wir den Frührentner Bruno, der sich in Lissabon niedergelassen hat. „Ich habe mich in dieser Stadt niedergelassen, um dort auf das Ende der Welt zu warten. Die Bedingungen könnten nicht besser sein.“ Mit diesem Satz startet Antonio Munoz Molina (Übersetzung: Willi Zurbrüggen) in die Handlung. Daraus entsteht eine Atmosphäre, die den Roman umhüllt – das quälende Gefühl des Wartens.

Der Ich-Erzähler will sich sein Leben als Frührentner einrichten. Doch sein Nachdenken über Gott und die Welt, seine hypersensiblen Antennen für kleinste Veränderungen geben keine Ruhe. Seine Frau Cecilia arbeitet noch in den USA als Naturwissenschaftlerin im Team eines Nobelpreisträgers. Und so sitzt Bruno in Gesellschaft seiner Hündin Luria in Lissabon und sieht den Handwerkern bei den Renovierungsarbeiten zu. Alles soll so hergerichtet werden wie in der letzten gemeinsamen Wohnung.

Der Protagonist lässt dabei das Leben in den USA Revue passieren – Aids, den 11. September, wechselnde Präsidenten. Cecilias Abwesenheit hat etwas Mysteriöses. Es gibt keinen wirklichen Kontakt – kein Telefon, keine Nachrichten via Internet, nicht mal einen konkreten Zeitpunkt ihres Eintreffens. „Tage ohne Cecilia“ ist ein rätselhaftes wie liebevolles Buch über das turbulente Innenleben eines einsamen Außenseiters. Geht unter die Haut. (Peter Mohr)

Antonio Munoz Molina: „Tage ohne Cecilia“ (Penguin Verlag), 272 Seiten, 25 Euro.
Antonio Munoz Molina: „Tage ohne Cecilia“ (Penguin Verlag), 272 Seiten, 25 Euro. Foto: Munoz Molina Tage ohne Cecilia

„Die drei Hochzeiten von Manolita“ von Almudena Grandes

Liebe in Zeiten der Diktatur: „In guten Zeiten heiraten junge Frauen aus Liebe, in schlechten Zeiten aus Interesse. Ich heiratete in der schlimmsten aller Zeiten wegen zwei Vervielfältigungsmaschinen, die kein Mensch bedienen konnte.“ So leitet die Titelheldin Manolita Perales García ihre Erzählung ein. Sie war 18 Jahre alt, der Bürgerkrieg war mit dem Sieg Francos zu Ende gegangen. Seine blutige Diktatur forderte Opfer und den Widerstand heraus. Manolita mischt sich nicht in die Politik ein. Ihr Bruder Toñito ist als Sozialist untergetaucht. Er versteckt sich in der Garderobe der Tänzerinnen einer Flamenco-Bühne.

Die Frauen schützen ihn „unverwüstlich loyal“. Er bewegt Manolita, eine Scheinehe mit dem inhaftierten Genossen Manitas einzugehen, um sich von ihm die Bedienung von Druckmaschinen für den Untergrund erklären zu lassen. Almudena Grandes, (1960 -2021) hat diesen sehr spanischen Roman mit Empathie für den Widerstand geschrieben (Übersetzung: Roberto de Hollanda). Es gelingt ihr, mit feinen literarischen Mitteln eine schlimme Wirklichkeit mit stillen Helden und Verrätern in den ebenso unschuldigen wie klugen Worten einer jungen Frau heraufzubeschwören. Hier werden keine Windmühlen bekämpft, sondern der blutige Diktator Franco. Nach dessen Tod heiraten beide zum dritten Mal – diesmal aus Liebe. (Harald Loch)

 Almudena Grandes: „Die drei Hochzeiten von Manolita“ (Hanser), 632 Seiten, 30 Euro.
Almudena Grandes: „Die drei Hochzeiten von Manolita“ (Hanser), 632 Seiten, 30 Euro. Foto: Die drei Hochzeiten von Manolita

„Eine Liebe“ von Sara Mesa

Was genau Nat in diesem Dorf mit dem sprechenden Namen La Escapa sucht, wissen wir nicht, aber sicherlich ist es etwas anderes als das, was sie findet. Denn ihr Neuanfang ist so improvisiert, dass sich die nicht mehr ganz junge Frau ständig den unerfreulichen Gegebenheiten anpassen muss. Sie mietet ein etwas heruntergekommenes Haus mit undichtem Dach in der spanischen Provinz.

Zum Inventar gehört nicht nur ein misstrauischer in die Jahre gekommener Hund, sondern auch ein übergriffiger und brutaler Vermieter. Von den Dorfbewohnern wird sie neugierig, manchmal auch offen feindselig bestaunt. Lediglich ein übriggebliebener Hippie bietet sich für eine Freundschaft an, für die Liebe versucht sich Nat an Andreas, „dem Deutschen“, deren Zusammensein mit einem pragmatischen Arrangement beginnt. Er bietet ihr an, das Dach zu reparieren, wenn sie ihn dafür „ein bisschen in sich rein lässt“.

Die einerseits obsessive, andererseits unterkühlte Beziehung wird Nat im Laufe der Geschichte einiges abverlangen. Aus der Neuanfangseuphorie wird schnell eine deprimierende Zeit der Einsamkeit. Mit „Eine Liebe“ ist der Autorin Sara Mesa ein atmosphärisch dichter Roman gelungen (Übersetzung: Peter Kultzen), der in seinem nüchternen, bisweilen barschen Ton an Margerite Duras’ „Der Liebhaber“ erinnert und in Spanien mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. (Andrea Zuleger)

Sara Mesa: „Eine Liebe“ (Wagenbach), 192 Seiten, 23 Euro.
Sara Mesa: „Eine Liebe“ (Wagenbach), 192 Seiten, 23 Euro. Foto: verlag

Fernando Aramburu: „Die Mauersegler“

Der Philosophielehrer Toni beschließt am 1. August 2018, sich in genau einem Jahr das Leben zu nehmen. „Ein Jahr noch. Warum ein Jahr? Keine Ahnung. Aber das ist mein absolutes Limit.“ Diese obszöne Idee gliedert den grandiosen Roman in 365 Teile (Übersetzung: Willi Zurbrüggen).

An jedem seiner verbleibenden Tage schreibt Toni sein geplant postumes „Tagebuch eines Selbstmörders“. In den Aufzeichnungen geht es um die Vergangenheit seit Tonis Kindheit. Es geht um die erzählte Gegenwart. Es geht um einen fußamputierten Freund, den er insgeheim „Humpel“ nennt. Das Gymnasium, an dem Toni unterrichtet, wird besichtigt. Seine Familie spielt in wichtigen Nebenrollen mit, seine Frau Amalia, mit der er eine zänkische Ehe führt und die ihre Geliebte heiraten will, sobald sie von Toni geschieden ist. Der spanische Bürgerkrieg, die manchmal ätzende demokratische Gegenwart, das Leben in Madrid, das er mit seiner Hündin Pepa so durchstreift, dass die Leserin zu einem Stadtplan greifen möchte, Nachbarn, Kollegen, herausfordernde Schülerinnen und fein gefühlte Szenen unterschiedlicher Sexualität wechseln mit jedem geschriebenen Tag einander ab.

Das ist geschickt, wohltuend und lenkt von der angelegten Grundspannung ab, ob und wie die Selbsttötung wohl verwirklicht wird. Wer das Buch nicht lesen mag mit dem Gedanken an den Suizid, kann auch zuerst die Seite 830 aufschlagen und nach Erlösung suchen. Es tut der Lektüre keinen Abbruch. (Harald Loch)

 Fernando Aramburu: „Die Mauersegler“ (Rowohlt) 830 Seiten, 28 Euro.
Fernando Aramburu: „Die Mauersegler“ (Rowohlt) 830 Seiten, 28 Euro.

„Wir alle sind Widerlinge“ von Santiago Lorenzo

Eigentlich war es Notwehr. Aber wenn man dabei einen Polizisten verletzt, muss einem das auch erst mal einer glauben. Manuel jedenfalls hat Angst und ergreift die Flucht hinaus in die Berge, in einen kleinen Weiler. Dort zieht sich der Eigenbrötler in ein Häuschen zurück, in dem es anfangs nicht mal Strom gibt. Doch Manuel, überdurchschnittlich intelligent und technisch versiert, weiß sich zu helfen. Sein einziger Kontakt zur Welt ist ein Handy, über das er mit seinem Onkel kommuniziert, der auch der Erzähler der Geschichte ist. Er versorgt seinen Neffen von Madrid aus mit Lebensmitteln und beschafft ihm einen Job als Konversationstrainer, der Menschen über das Telefon Spanisch beibringt. Mit den Einnahmen daraus kommt Manuel über die Runden.

Je weniger er hat, desto glücklicher ist er – bis eine laute, reiche Familie ein Nachbarhaus im Dorf für die Wochenenden mietet und Manuels Ruhe stört. Erbost schmiedet er Rachepläne. Santiago Lorenzo ist mit seinem vierten Roman eine kleine Sensation gelungen (Übersetzung: Karolin Viseneber und Daniel Müller). In Spanien wurde das Buch eine Viertelmillion Mal verkauft. Dabei hält der Autor (58), der sich nach einer erfolgreichen Karriere als Regisseur aus dem Filmgeschäft zurückgezogen hat und selbst in einem abgeschiedenen Bergdorf lebt, der spanischen Gesellschaft auf gleichsam bissige wie humorvolle Weise einen Spiegel vor. (Christian Rein)

 Santiago Lorenzo: „Wir alle sind Widerlinge“ (Heyne), 240 Seiten, 20 Euro.
Santiago Lorenzo: „Wir alle sind Widerlinge“ (Heyne), 240 Seiten, 20 Euro.

„Leichte Sprache“ von Cristina Morales

Vier Frauen in Barcelona, alle vier haben eine geistige Behinderung und leben in einer betreuten Wohngemeinschaft. Der mit dem Internationalen Literaturpreis ausgezeichnete Roman „Leichte Sprache“ von Cristina Morales (Übersetzung: Friederike von Criegern) erzählt davon, wie sich die Frauen auflehnen gegen Bevormundung, Vorurteile und auch gegen die Moralvorstellungen der genormten Gesellschaft. Nati beschreibt ihre Symptomatik als „Schiebetüren-Syndrom“: Wenn sie unter Druck gerät, schiebt sie die Umwelt einfach beiseite.

Marga ist Analphabetin und hat vor allem Spaß am Sex, Àngels stottert, Patri leidet unter einem unkontrollierbarem Redefluss. Die Vier haben die feinsten Antennen für Menschen und staatliche Einrichtungen, die ihr Leben beschneiden und einengen wollen. Wütend, voller Fantasie, Kreativität und Klugheit macht sich jede auf die Suche nach einer Möglichkeit, sich auszudrücken und zu zeigen. Die stotternde Àngels zum Beispiel verfasst über WhatsApp ihre poetische Lebensgeschichte in Leichter Sprache. Nati tanzt in einer integrativen Tanzgruppe. Cristina Morales montiert dabei vielstimmig die Geschichten der Frauen, Gerichtsakten und Protokolle zu einem Roman zusammen, den der Deutschlandfunk Kultur als „mutigen Aufschrei gegen Kapitalismus, Systemzwang und selbstgerechtes Gutmenschentum“ feiert. (Andrea Zuleger)

Cristina Morales: „Leichte Sprache“ (Matthes & Seitz), 409 Seiten, 25 Euro.
Cristina Morales: „Leichte Sprache“ (Matthes & Seitz), 409 Seiten, 25 Euro.

Martin von Koppenfels (Hg.): „Spanische und hispanoamerikanische Lyrik“

Dieser vom deutschsprachigen Publikum bisher kaum betretene Kontinent hat eine zeitliche und eine räumliche Ausdehnung. Die Anthologie beginnt mit Kostproben des maurischen al-Andalus – im Original in arabischen Schriftzeichen – und reicht bis in die Gegenwart. Der Raum dieses literarischen Kontinents wächst über seinen iberischen Kern hinaus und erreicht jenseits des Atlantiks Höhepunkte der Modernität. Ein renommiertes Herausgebergremium um Martin von Koppenfels verantwortet die Auswahl der Originaldichtungen und ihrer zahlreichen Übersetzer.

Ein Riesenwerk ist entstanden, nach Epochen gegliedert, reich kommentiert und mit wertvollen biographischen Essays zu jedem einzelnen Dichter beispielhaft ediert. Das hiesige Publikum betritt tatsächlich Neuland und auch in Spanien gibt es keine vergleichbare Anthologie. Jeder Band ist einzeln erhältlich und in sich abgeschlossen. Aber das Gesamtwerk stellt einen wertvollen Zusammenhang der Literaturgeschichte dar. Der literarische Kontinent, der sich über acht Jahrhunderte und beiderseits des Atlantiks in spanischer Sprache erstreckt, leuchtet in diesen vier Bänden nicht nur in Umrissen, sondern offenbart ein Relief, das die Höhen strahlen lässt und die Tiefen ausleuchtet. Bravo! (Harald Loch)

 Martin von Koppenfels (Hg.): „Spanische und hispanoamerikanische Lyrik“ (C.H. Beck), 4 Bände, zusammen 2641 Seiten, 148 Euro, je Band 45 Euro.
Martin von Koppenfels (Hg.): „Spanische und hispanoamerikanische Lyrik“ (C.H. Beck), 4 Bände, zusammen 2641 Seiten, 148 Euro, je Band 45 Euro.

„So forsch, so furchtlos“ von Andrea Abreu

Wie zwei wilde junge Hunde wachsen die beiden Mädchen im Norden von Teneriffa auf. Die Erwachsenen zeigen sich ihnen gegenüber gleichgültig bis brutal. Der Strand und die Touris sind nur ein paar Kilometer entfernt, aber für die beiden so unerreichbar, dass sie am trüben Kanal in der Nähe des Dorfes so tun, als seien sie am Strand. Sie streunen umher, sind mit sich und ihren Körperveränderungen beschäftigt, die Welt um sie herum scheint unter einer Dunstglocke zu versinken. Als Wetterphänomen ist das typisch für den Norden Teneriffas, zugleich aber ein perfektes Bild für das diesige Gefühl der beiden Mädchen am Beginn der Pubertät.

Die namenlose Ich-Erzählerin und ihre furchtlose Freundin Isora, beide etwa zehn Jahre alt, sind beste Freundinnen wie man nur in diesem Alter beste Freundin sein kann: so eng, dass die Grenzen ihrer Körper zu verschwimmen scheinen. Sie gehen zusammen aufs Klo, kotzen gemeinsam, wenn sie vor Langeweile viel zu viel essen, kennen jedes Körperhaar und jede Hautdelle voneinander, teilen Lust, Sehnsucht und Schmerzen. Dieses Auflösen in der anderen muss irgendwann explodieren. Es kommt zum Bruch der ungleichen Freundinnen. Körperlicher als Andrea Abreu, die selbst auf Teneriffa aufwuchs, und die Trostlosigkeit jenseits der Touristenwelt wunderbar in Szene setzt, kann man nicht schreiben (Übersetzung: Christiane Quandt). (Andrea Zuleger)

 Andrea Abreu: „So forsch, so furchtlos“ (Kiepenheuer & Witsch), 192 Seiten, 20 Euro.
Andrea Abreu: „So forsch, so furchtlos“ (Kiepenheuer & Witsch), 192 Seiten, 20 Euro.