„Die Familie“ von Andreas Maier, Suhrkamp

Autobiografie und Fiktion : Der chronologische Verfall einer Familie

Die Familie von Andreas Maier ist wohlhabend. Sie besitzt das größte Grundstück im Ort, genießt hohes Ansehen und tut alles, um nach außen heil und geeint aufzutreten, während sie nach innen von Jahr zu Jahr stärker zerfällt.

Von einer beinahe idyllischen Kindheit auf dem Gelände der großen Steinwerkefirma des Urgroßvaters im hessischen Bad Nauheim bis hin zu schier endlosen Gerichtsprozessen, Schuldzuweisungen und Kontaktabbrüchen erzählt der Autor chronologisch den Verfall seiner Familie und mischt dabei autobiografische mit fiktionalen Elementen.

Maier bleibt nüchtern, schreibt ohne Ausschmückungen, ohne Sentimentalität und in einem stetig wechselnden Stil. Es geht um die Suche nach der wahren Geschichte der Familie, möglichst ohne große Abschweifungen. Der Protagonist versucht herauszufinden, was an seiner Kindheit Scheinwelt war und was Wirklichkeit. Er versucht die Konstellationen in der Familie zu hinterfragen und den Diskurs der Eltern über die Aufteilung in Gut und in Böse – sowohl innerhalb der Familie als auch in Bezug auf die Außenwelt – für sich neu auszuloten.

Der Protagonist des Romans bleibt selbst nur Beobachter. Seine Gefühle und Gedanken werden allenfalls sporadisch thematisiert, nämlich nur dann, wenn er sich selbst in das Familiengeschehen einordnen muss, um die einzelnen Tage aufzuzählen, an denen sich alles geändert hat; von denen sich die Familie nicht mehr erholen konnte.

Die übrigen Charaktere werden ebenfalls nur grob skizziert: Ein Onkel mit geistiger Behinderung, ein furchteinflößender Drache von Großmutter und ein Vater, der sich bei Stress mit Migräne ins Bett flüchtet. Maier karikiert seine Romanfiguren mehr, als dass er ihnen tatsächlich Leben einhaucht. Er macht es dem Leser leicht, sie bequem in eine Schublade zu stecken. Und auch die Konfliktlinien sind schnell dargestellt: Bei den älteren Generationen sind es das Geld und der Streit ums Erbe, die die Gräben zwischen die Geschwister treiben.

Bei den jüngeren Generationen sind es die politische Ausrichtung und die Sehnsucht nach Freiheit und alternativen Denkmustern, die ein Zusammenleben mit den Eltern unerträglich machen. Vor allem ist es aber das Schweigen des Clans, das nach innen alles zersetzt. Literarisch gelingt es dem Autor, diese Frustration auf den Leser zu übertragen. Denn als „Kind der Schweigekinder“ versuchte er über Jahrzehnte, von seinen Eltern die Wahrheit zu erfahren, bleibt dabei aber weitestgehend erfolglos.

Der Roman gliedert sich in Maiers Reihe „Ortsumgebung“ als siebtes von insgesamt elf Büchern. „Die Familie“ bleibt als einzelnes Werk allerdings für den Leser in weiten Teilen unbefriedigend. Trotz des kurzen, nüchternen und unvollständigen Einblicks in das Familienleben der Bolls schafft es der Autor aber, eine Geschichte zu erzählen, deren Finale es in sich hat.

„Die Familie“ ist kein Roman, der den Leser bedingungslos in seinen Bann zieht. Es ist vielmehr eine Erzählung, die anstrengend ist, denn man kann sie nicht lesen, ohne sich von ihr zu distanzieren und gleichzeitig an der ein oder anderen Stelle Parallelen zu Beziehungskonstellationen im eigenen Umfeld zu ziehen. Die Abgründe der Familie sind nicht überzogen, nicht sonderlich skandalös. Schafft man es, über die Frustration hinwegzusehen, bleibt eine tragische Geschichte einer Familie, die auch noch drei Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg keinen Frieden gefunden hat.

(at)
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