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Neuer Roman von Javier Marías: „Tomás Nevinson“: Der letzte Marías

Neuer Roman von Javier Marías: „Tomás Nevinson“ : Der letzte Marías

Der im September gestorbene Bestsellerautor hinterlässt mit „Tomás Nevinson“ seinen womöglich stärksten Roman. Aus dem Leben eines Agenten, der sich im Ruhestand wähnte.

Zu wissen, dass es kein weiteres Mal mehr geben wird, macht die Lektüre nicht einfacher. Während man durch die Seiten fliegt, ertappt man sich immer wieder bei dem Gedanken, dass es nie mehr ein Buch von Javier Marías geben wird. Zumindest kein neues. Am 11. September war der spanische Autor im Alter von 70 Jahren an Covid gestorben. Fast zeitgleich mit seinem viel zu frühen Tod ist der Roman „Tomás Nevinson“ auf Deutsch erschienen. Ein letztes Meisterwerk. Ein Abschiedsgeschenk allererster Güte.

Am liebsten würde man besonders langsam lesen, um die Sprachgewalt dieses Schriftstellergenies ein letztes Mal möglichst lange auszukosten. Doch der Roman ist so gut, dass man ihn nicht mit angezogener Handbremse lesen kann. Ist man einmal eingetaucht in die Welt des Geheimdienstmitarbeiters Tomás Nevinson, gibt es nicht nur kein Zurück mehr, nein, es gibt kein Halten mehr.

Eigentlich hatte Nevinson schon aufgehört mit seinem heiklen und gefährlichen Job. Wir kennen ihn aus dem Vorgängerroman „Berta Isla“ (2019). Doch ein guter Geheimagent hängt seinen Job nicht einfach so an den Nagel. Einmal Agent, immer Agent. Und so kommt es, wie es kommen muss: Sein ehemaliger Chef tritt an Nevinson heran und bittet ihn, eine letzte heikle Mission zu übernehmen. Lange zögert Nevinson, doch schließlich sagt er zu, beendet den vorzeitigen Ruhestand und macht sich auf den Weg in ein kleines Städtchen im Norden Spaniens.

Javier Marías:   „Tomá  s   Nevinson“,  736 Seiten, 32 Euro, S. Fischer.
Javier Marías: „Tomá s Nevinson“, 736 Seiten, 32 Euro, S. Fischer. Foto: S. Fischer

Dort soll er drei Frauen unter die Lupe nehmen, von denen eine im dringenden Verdacht steht, in der Vergangenheit Bombenanschläge der baskischen Terrororganisation Euskadi Ta Askatasuna (ETA) vorbereitet zu haben, namentlich die Anschläge in Barcelona und Saragossa von 1987, bei denen 32 Menschen getötet wurden. Von einem der Anschläge gibt es ein Bild im neuen Roman. „... es war eines dieser Fotos, von dem man minutenlang den Blick nicht wenden kann ...“, sagt Nevinson an einer Stelle.

Beim Blick auf das Foto wirkt es fast so, als sei selbst der großartige Schriftsteller Marías nicht in der Lage, das Leid, das den Menschen bei diesen grausamen und feigen Anschlägen angetan wurde, einzig und allein mit Worten zu beschreiben. Nevinson sagt zu dem Foto: „Doch am tiefsten eingeprägt hatte sich mir die Miene des jungen Polizisten oder vielleicht Feuerwehrmanns mit dem Mädchen im Arm. Obwohl ein Großteil des Gesichts blutverschmiert war und man seine Züge schlecht erkennen konnte (...), zeigte sein Blick eine Mischung aus Entschlossenheit und tiefem Kummer, vielleicht auch eine Spur aufgeschobener Wut und Ungläubigkeit angesichts dessen, was er vor sich wahrnahm.“

Wer ist Magdalena Orue O’Dea?

Der Name der gesuchten Frau, die in dem Verdacht steht, die Anschläge geplant zu haben, ist Magdalena Orue O’Dea. Einiges deutet darauf hin, dass sie demnächst wieder an der Planung eines Bombenanschlags (diesmal in Irland, wo die Irish Republican Army, die IRA, wütet) beteiligt sein wird. Die Zeit eilt, Nevinson muss schnell die Eine unter den Dreien ausfindig machen. Wer ist Magdalena Orue O’Dea? Sobald er sie eindeutig identifiziert haben würde, müsste er sie (so sein Auftrag) nur noch heimlich und mit den bekannten Mitteln des Geheimdienstes aus der Welt schaffen, was bekanntlich die harmlose Formulierung für Töten ist.

Gewissenskonflikte

So begeben wir uns mit Nevinson auf die Suche und lernen mit und mit alle drei Frauen kennen. Deren Biografien und Leben könnten unterschiedlicher nicht sein. Als Nevinson mit einer der drei Frauen, die als Zielperson infrage kommt, ein Verhältnis beginnt, gerät er augenblicklich in Gewissenskonflikte. Was, wenn sie am Ende die gesuchte Person ist? Wie könnte er dann seinen Auftrag erfüllen? Oder gab es selbst in dem Fall kein Pardon: War es seine Pflicht, einen Menschen, den er liebte, zu töten, um ein viel größeres Verbrechen zu verhindern?

Man kann sich für einen Roman kaum eine spannendere und intelligentere Grundkonstellation vorstellen. Natürlich hat Marías nicht einfach nur einen Krimi geschrieben, doch spannender könnte auch ein Krimi kaum sein. Weitschweifig reflektiert er über das Töten, darüber, was Menschen dazu bringt und was es am Ende mit ihnen macht. Dass Marías – wie schon sein Kollege Ian McEwan in dem Roman „Honig“ seine letzten beiden Romane ins Geheimagentenmilieu der späten Neunziger angesiedelt hat, hat fast schon prophetische Züge. Bei allem, was wir wissen, scheint es in diesen Tagen und künftig wieder viel zu tun zu geben für die Geheimdienste in dieser kriegerischen Welt.

Nach 731 Seiten ist der Roman zu Ende. In das Glück und die Freude darüber, ihn gelesen zu haben, mischt sich die bittere Erkenntnis, dass hier an diesem Punkt viel mehr endet als nur dieser Roman. Nie mehr ein neuer Marías! Man mag nicht darüber nachdenken. Vor allem mag man es nicht wahrhaben.