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20 Jahre Lit.Cologne: Der Lesehimmel auf Erden ist in Köln

20 Jahre Lit.Cologne : Der Lesehimmel auf Erden ist in Köln

Der Lesehimmel auf Erden ist ab Dienstag wieder in Köln zu finden, bei der Lit. Cologne. In einer Eisdiele fing die Geschichte von Europas größtem Literaturfestival an. Es wird in diesem Jahr 20 Jahre alt – ein Rückblick.

Hinweis: Die Lit.Cologne 2020 ist am 10. März abgesagt worden.

Hinter der Toreinfahrt, die zu den Häusern Maria-Hilf-Straße 15-17 führt, tut sich eine andere Welt auf. Hier, in den roten Backsteingebäuden mit den grün lackierten Fensterläden, nicht weit entfernt vom Chlodwigplatz, wurden früher einmal Eisenwaren produziert. Heute beherbergen sie Ateliers, Verlage und Architektenbüros, Firmen für Kommunikation, Design oder Film. Und seit 2001 auch das Büro der Lit.Cologne.

In diesem Jahr feiert Europas größtes Literaturfestival Jubiläum. Es wird 20 Jahre alt. Vom 10. bis zum 21. März steht Köln wieder ganz im Zeichen von Romanen, Sachbüchern und Krimis, Bestsellern, Klassikern und Novitäten. Von Texten, die ein gemeinsames Motto haben, Themen, die aktuelle Schwerpunkte setzen oder seelenverwandte Schreiber an einen Tisch bringen. Um ihre Werke vorzustellen und darüber zu sprechen, sind fast zwei Wochen lang Autoren aus aller Welt zu Gast am Rhein. Moderatoren verleihen dem Struktur, Schauspieler und Übersetzer bei Bedarf eine deutsche Stimme, Sänger und Musiker den dazu passenden Rahmen. Der Lesehimmel auf Erden liegt in Köln.

Das war nicht immer so. Im Sommer 1999 beschäftigt das zwei junge Kölner sehr. Der eine, Rainer Osnowski, arbeitete als freier Lektor und Herausgeber beim Verlag Kiepenheur & Witsch. Der andere, Werner Köhler, war Geschäftsführer der Mayerschen Buchhandlung. „Es gibt große Filmfestivals, große Theaterfestivals und große Musikfestivals; aber warum versteckt sich die Literatur, haben wir uns gefragt?“, erinnert sich Rainer Osnowski, heute alleiniger Geschäftsführer der Lit.Cologne. „Es gab zwar einzelne Lesungen, aber das große Festival, das Literatur in ihrer ganzen Sinnlichkeit vermittelt, das gab es nicht.“

Klapprige Stühle und schlechter Rotwein

 Eine, die sich in Köln für Bücher starkmacht: Elke Heidenreich.
Eine, die sich in Köln für Bücher starkmacht: Elke Heidenreich. Foto: Bettina Flitner

Köhler stand mit vielen Autoren in Kontakt. Die sich bundesweit bei Lesungen häufig nicht gut betreut fühlten: „Sie kamen am Bahnhof an, wussten nicht, wo sie hin sollten, fragten sich durch, landeten in Hotelzimmern am unteren Ende der Preisskala. Mussten in Räumen mit klapprigen Stühlen und schlechter Luft lesen und hinterher mit schlechtem Rotwein vorlieb nehmen“, zählt Osnowski auf. „Für uns ein erster Fingerzeig, so etwas ganz anders aufzuziehen.“ Denn: Liebe Gäste behandelt man besser.

In einer Eisdiele am Neumarkt sprühten beide vor Ideenreichtum. Vieles von dem, was sie vorhatten, wurde später umgesetzt: etwa der professionelle Moderator, der dem Autor zur Seite steht, oder, im Fall der Fälle, der professionelle Übersetzer. „Wir haben dann mit ganz vielen Leuten gesprochen, bis feststand: Die Idee ist tragfähig.“ Bei vollem Risiko: „Wir wollten keine Subventionen, zum Beispiel von der Stadt, das Ganze sollte unsere eigene Handschrift tragen.“ Mit einem einzigen Sponsor und mit Hilfe eines Buch- und Kalenderverlags, der in der Verantwortung von Edmund Labonté lag. Kurz danach legten die drei Herren beide Projekte zusammen. 2001 ging das Festival an den Start: „Ohne den Verlag, der uns finanziert hat, hätten wir die Lit.Cologne nach drei Jahren eingestellt.“

Eine, die gleich Feuer und Flamme für das Projekt war, ist Elke Heidenreich: „Ich fand das ganz wunderbar. Ich bin ja immer dafür, dass man die Leute ans Lesen bringt!“ Und sie versprach: „Ich tue alles für euch, was ich kann.“ Sie wurde Botschafterin des Festivals, moderierte die ersten drei Lit.Cologne-Galas in der Kölner Philharmonie. Im Jubiläumsjahr tut sie das wieder. Mit ernstem Hintergrund: „Das Thema am 11. März ist ,Nacht’. Damit möchte ich daran erinnern, dass seit 2001 schon 140 unserer Autoren in die ,ewige Nacht’ eingegangen sind. Die sollte man ehren. Das ist eine Liste, die ist so lang, das ist zum Weinen.“

Der Grund für den Erfolg der Lit.Cologne liegt für Heidenreich auf der Hand: „Da sieht man doch, dass ein großes Bedürfnis da ist. Wir haben überhaupt viel zu wenig Kultur. Und ohne Kultur verrohen und verblöden wir!“ Das Festival setze dem wirksam etwas entgegen: „In dieser Zeit zieht sich die Krake Kultur durch die ganze Stadt, das ist eine regelrechte Kultur-Olympiade.“

Die durchaus auch Kinderkrankheiten hatte. So erinnert sich Rainer Osnowski ans erste Jahr: „Wir standen mit Tränen in den Augen vor dem Dom, wo die Schlange für eine Lesung ohne Eintritt vom Hauptportal vom Roncalliplatz bis runter zum Rhein ging. Da kamen panische Anrufe aus dem benachbarten Gürzenich von einer großen Krimilesung. Der schwedische Autor hatte 20 Minuten auf Schwedisch gelesen – und viele Leute, die die Veranstaltung verlassen hatten, kamen uns entgegen.“ 700 von 1100 Besuchern blieben dann doch. „Wir haben aus den Fehlern gelernt, die wir gemacht haben“, resümiert Osnowski. „Wir haben eine schöne Fehlerkultur. Fehler sind gut, wenn man aus ihnen lernt.“

Auch Lesen kann man lernen. Was das angeht, hatte die Lit.Cologne von Anfang an die Nase vorn. Als Festival im Festival wurde 2001 die Lit.Kid ins Leben gerufen, die sich an junge Leser vom Grundschulalter bis zur 9. Klasse richtet. Angela Maas brachte 2001 die Idee ans Laufen, Lesungen für Kinder an Orten zu veranstalten, die Verbindung zum Buch haben: „Geschichten, die im Alten Rom spielen, im Römisch-Germanischen-Museum vorzulesen oder Krimis im Polizeipräsidium.“

Leser mit Kappe und Kippe

Besonders beliebt: die „Klasse Buch“-Reihe, für die sich Lehrer klassenweise mit ihren Schülern bewerben können: „Das weckt auch bei Kindern Interesse, die sonst nie lesen“, sagt Maas. Oder bei Jugendlichen: „Die kommen reingeschlurft mit Kappen und Kippen und wollen überall nur nicht hier sein. Hören dann aber sehr konzentriert zu.“ Was Maas ganz besonders freut: „Wenn hinterher ein Lehrer zu mir sagt: ,Ich glaub’s ja nicht – der XY kauft sich das Buch!’“ Seit 2015 gibt es auch Veranstaltungen für Kinder im Vorschulalter, bei „Schüler für Schüler“ moderieren Gleichaltrige. In diesem Jahr neu: der Lit.Kid-for-Future-Freitag und die Lit.ComingofAge, die sich zugleich an jugendliche und erwachsene Leser richtet.

Im ersten Obergeschoss der ehemaligen Eisenwarenfabrik an der Maria-Hilf-Straße herrscht die Ruhe vor dem Sturm. In zwei Tagen werden Osnowski und sein Team ins Festival-Hotel in der Nähe des Friesenplatzes umziehen. Dorthin, wo auch die mitwirkenden Künstler untergebracht sind. Darunter viele „Wiederholungstäter“, von denen einige schon bei der Erstauflage dabei waren.

 Lit.Cologne-Mitbegründer und heutiger Geschäftsführer Rainer Osnowski.
Lit.Cologne-Mitbegründer und heutiger Geschäftsführer Rainer Osnowski. Foto: photographylit.COLOGNE

„Über die 20 Jahre hinweg sind so viele Freundschaften und menschliche Bezüge entstanden, auch das macht für uns den besonderen Wert des Festivals aus“, sagt Osnowski. Das wiegt ebenso viel wie der Stolz darauf, „ein großes kulturelles Ereignis geschaffen zu haben, das Strahlkraft besitzt, mit einem großartigen Publikum, dem wir für sein Vertrauen und seine Treue nicht dankbar genug sein können“.

Für einige Veranstaltungen gibt es noch Karten:

www.litcologne.de