„Der allgegenwärtige Antisemit“ von Moshe Zuckermann

„Der allgegenwärtige Antisemit“ : Wenn Debattenkultur in ein Tollhaus verwandelt wird

Natürlich gibt es in Deutschland Antisemitismus. Natürlich muss er bekämpft werden. Natürlich bestreitet das auch Moshe Zuckermann nicht. Aber der renommierte israelische Soziologe und Historiker ist überzeugt: Vieles, was neuerdings als antisemitisch verdammt wird, ist kein Ausdruck von Judenhass.

Gerade in Deutschland sei die Diskussion über Antisemitismus völlig aus den Fugen geraten. „Wahllos werden Begriffe durcheinander geworfen, Menschen perfide verleumdet“, sagt Zuckermann. Inzwischen sei es kaum mehr möglich, Kritik am Umgang der israelischen Politik mit den Palästinensern zu üben, ohne gleich als Antisemit gebrandmarkt zu werden. Wie es dazu kam und wer „die gesamte Debattenkultur in ein Tollhaus“ verwandelt hat, beschreibt der ehemalige Leiter des Instituts für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv in seinem neuen Buch „Der allgegenwärtige Antisemit“.

Zuckermann stellt fest: Judentum, Zionismus und Israel werden heute zunehmend in einen Topf geworfen, um daraus „die widersinnige Gleichstellung von Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik abzuleiten“. Damit werde die Propaganda der rechtsnationalistischen israelischen Regierung von Benjamin Netanjahu übernommen, die sich anmaße, für alle Juden zu sprechen. Das aber sei grundfalsch. „Nicht alle Juden sind Zionisten, nicht alle Zionisten sind Israelis, nicht alle Israelis sind Juden“, betont der 69-Jährige. „Man kann durchaus solidarisch mit Juden sein, ohne zionistisch und proisraelisch zu sein.“

Hinter dem „orwellschen Neusprech“ von Netanjahu sieht Zuckermann eine simple Strategie. „Berechtigte Kritik“ an der Besatzungspolitik soll diffamiert und damit unmöglich gemacht werden. „Je isolierter sich Israel ob seiner außenpolitischen Praxis in der Welt weiß, desto pauschaler wird alle Kritik an ihr als antisemitisch apostrophiert“, schreibt der Sohn jüdisch-polnischer Holocaust-Überlebender. Bei der Wahl ihrer Verbündeten sei die Regierung hingegen kaum wählerisch. Rechte Populisten wie Ungarns Regierungschef Viktor Orban würden hofiert, „proisraelische und islamophobe Antisemiten als Feind des Feindes zum politischen Partner“ erklärt.

Den Antisemitismus-Begriff auszuhöhlen und damit das Gedenken an die Opfer der Shoah zu instrumentalisieren, wirft Zuckermann jedoch nicht nur der israelischen Regierung vor. Ähnliche Vorhaltungen macht er deutschen Lobbyisten, die immer aggressiver würden. Als eine Art wiedergutmachende Schuldabtragung verteidigten sie ein Land, „das seit mindestens 50 Jahren Palästinenser knechtet“.

Er selbst werde ständig attackiert. Den Zorn darüber lässt Zuckermann, der einen Teil seiner Jugend in Deutschland verbracht hat, freien Lauf. Er schreibt: „Den Höhepunkt unüberbietbar perfider Unverfrorenheit bilden junge nichtjüdische Deutsche (Enkel der Tätergeneration), die israelischen Kritikern ihres Staates (womöglich Kinder von Holocaust-Überlebenden) Antisemitismus und Selbsthass vorwerfen. Schier unbegreiflich, welchen Abgründen ihre Anmaßung entstammen muss.“

Zuckermanns Kritik ist radikal und oft polemisch. Trotzdem ist sein Buch keine schnell lesbare populärwissenschaftliche Analyse. Das liegt am dichten Schreibstil des Autors. An manchen Stellen gleicht die Arbeit einem steilen Berg. Es bedarf einer gewissen Anstrengung, ihn zu besteigen. Doch die Mühe lohnt sich. Auf dem Gipfel ist der Horizont weiter.

(jozi)
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