„Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ von Bart van Es

„Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ : Gelungene Mischung aus Roman, Sachbuch und Reportage

Ihr Name ist Hesseline. Kurz Lien. Sie geht zur Schule, spielt mit den anderen Kindern. Im Mai 1940 sieht sie Flugzeuge am Himmel, die Eltern sagen: „Das ist der Krieg.“ Im September 1941 besucht sie eine jüdische Schule.

Bibliotheken, Märkte und Parks, Museen und Schwimmbäder darf sie nicht mehr besuchen. Im Mai 1942 schneidet Liens Mutter aus einer großen, gelben Stoffbahn schwarz umrandete Sterne aus. Und flüstert ihrer Tochter ein Geheimnis zu: „Du wirst für eine Weile woanders wohnen.“

Für Bart van Es – 1972 in den Niederlanden geboren, in England aufgewachsen und lebend – war Lien anfangs nur ein Name aus der Kindheit: „Ein jüdisches Mädchen, das während des Kriegs bei meinen Großeltern gewesen war und das nach dem Krieg weiter bei ihnen lebte.“ Doch als er seine Mutter nach ihr fragt, antwortet sie: „Es ist keine schöne Geschichte, am besten, man lässt sie ruhen.“ Ein Rat, den van Es nicht befolgte. Er nahm Kontakt zu Lien auf. Glücklicherweise. Sonst gäbe es „Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ nicht.

Jüdisches Mädchen, Niederlande 1940er, Leben im Versteck. Koordinaten, bei denen man sofort an Anne Frank denkt. Aber diese Geschichte ist eine ganz andere. Weil Lien überlebt hat. Wenn sich Bart van Es auf Spurensuche begibt, ist sie seine Kronzeugin. In vielen Stunden, an denen er die Gespräche mit der über 80-Jährigen aufzeichnet, mit ihr spazieren geht, mit ihr skypt und E-Mails austauscht. Und schließlich zum Freund wird.

Die Passagen, die mit Liens Augen beschrieben werden, klingen tatsächlich so, als sei er dabei gewesen. Da, wo die Erinnerung bröckelt, ergänzt der Autor, „teils aus anderen Quellen, historischen Darstellungen und Tagebüchern zum Beispiel, und teils aus den Berichten anderer Augenzeugen“. Auch Fotos, Briefe und Erinnerungsstücke wie das titelgebende Poesiealbum werden im Buch abgedruckt und erläutert. In Archiven, Datenbanken, Instituten fördert der Autor Parallelbiografien wie die der „Judenjäger“ und Polizisten Koenrad Hoffmann und Harry Evers zutage. Und er besucht die Orte, an denen Lien gelebt hat.

Die gelungene Mischung aus Roman, Sachbuch und Reportage spart auch jene Dinge nicht aus, die auf die Familie von van Es kein gutes Licht werfen. Etwa auf die Großmutter des Autors, die dem fremden Mädchen zwar Zuneigung entgegenbringt, aber unfähig ist zu begreifen, welche tiefgreifenden seelischen Wunden der Verlust von Familie und von Identität geschlagen hat.

Liens Versuch, sich 1972 zu töten, sieht sie als persönlichen Affront. Was sie nie erfahren hat: In einer der anderen Familien, wo Lien später versteckt wurde, hat ein Onkel sie immer wieder vergewaltigt. Und auch ihr Ehemann, der Großvater des Autors, hat versucht, sich dem Pflegekind zu nähern. Der Autor unterschlägt auch das nicht.

Den Kern des Buchs trifft der englische Titel „The Cut Out Girl“ wesentlich besser. Die Lien, die 1972 zu Tabletten greift und später aus Fotografien ihrer Adoptivfamilie entfernt wird, fragt sich: „Wer ist sie, wenn man das, was sie umgibt, ausschneidet? Gehört sie wirklich zu den Van Es oder zur Welt der jüdischen Rituale?“ Erst 1992, auf einer Konferenz in Amsterdam für mehr als 500 während des Kriegs versteckte Kinder, begreift sie, dass das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören, etwas ist, was sie mit anderen teilt. Bart van Es hat ihre Geschichte nun aufgeschrieben. Mit all ihren Lesarten.

(sus)
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