Charlie-Hebdo-Anschlag: Buch "Der Fetzen" von Philippe Lançon

Blutiges Attentat auf „Charlie Hebdo“ : „Ich war einer von ihnen“: Ein Überlebender erzählt

Der Franzose Philippe Lançon hat 2015 das Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ überlebt und ein bewegendes Buch darüber geschrieben. Wie kann man weiterleben mit einem solchen Trauma?

Weil er sich tot stellt, entgeht er dem Tod. Schwer verletzt, die untere Hälfte seines Gesichts weggeschossen, liegt er, den Kopf nach links gewandt, bäuchlings da. In seinem Blickfeld die Redaktionskollegen, deren tote Leiber auf dem Fußboden liegen. In ihm ist noch ein wenig Leben, das spürt er. Man hat ihm ins Gesicht geschossen, überall ist Blut. Dann nähern sich die schwarzen Beine. Sie werden sich in sein Gedächtnis einbrennen, er wird sie nicht mehr loswerden.

Es sind die in eine dunkle Hose gehüllten Beine eines der beiden Attentäter. Die Beine kommen näher. Er schließt die Augen. Er weiß, dass dies seine einzige Chance ist. Augen zu und durch, toter Mann spielen. „Ich schloss die Augen und öffnete sie wieder, wie ein Kind, das glaubt, niemand könne es sehen, wenn es sich tot stellt; denn ich stellte mich tot. Ich war noch immer das Kind, das ich einmal gewesen war, ich war es aufs Neue, ich spielte den toten Indianer, weil ich mir sagte, dass mich der Eigentümer der schwarzen Beine nicht sehen oder für tot halten würde.“

„Ich hörte ihn atmen“

Plötzlich steht der Attentäter über ihm. „Ich hörte ihn atmen, spürte seine Unentschlossenheit, sein mögliches Zögern, ich fühlte mich lebendig und fast schon tot, sowohl als auch, beides gleichzeitig, in seinem Blick und seinem Atmen gefangen; dann entfernte er sich langsam.“ Mehrfach hat der maskierte Mann mit den schwarzen Beinen „Allah Akbar“ gerufen, als er mit seinem Gefährten die Redaktionsräume von „Charlie Hebdo“ betritt und einen Mitarbeiter nach dem anderen brutal liquidiert. Ihn, Philippe Lançon, dessen Gesicht zertrümmert ist, lassen sie am Boden zurück in der Annahme, auch er sei ihrem Morden zum Opfer gefallen. Doch er lebt. „Ich war einer von ihnen, aber ich war nicht tot“, schreibt Lançon in seinem Buch, das heute in Deutschland erscheint und in dem er Zeugnis gibt von jenem unfassbaren Schrecken, der sein Leben in zwei Hälften teilt: in ein Leben davor und in ein Leben danach.

Spontan zur Redaktionskonferenz

Lançon hat die Geschichte des Attentats auf die Redaktion des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ aufgeschrieben, bei dem am 7. Januar 2015 elf Menschen getötet werden. Der heute 56-Jährige, der als freier Kolumnist für das Magazin arbeitet, entscheidet sich an jenem Morgen spontan, die Redaktionsräume von „Charlie Hebdo“ in der Rue Nicolas-Appert im elften Arrondissement von Paris aufzusuchen und an der Redaktionskonferenz teilzunehmen, als gegen 11.25 Uhr die beiden maskierten Brüder Saïd und Chérif Kouachi, die sich wenig später zu „Al-Qaida im Jemen“ bekannten, mit Kalaschnikows bewaffnet in die Redaktion eindringen und das Morden beginnt. Zwei Tage später werden die Attentäter, die sich in einem Gebäude 32 Kilometer nordöstlich von Paris verschanzen, beim Zugriff durch die Polizei erschossen.

Rückblickend erscheint der Angriff auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“, die mit Hohn und Spott gegen den Islam nie spart, wie vorgezeichnet, ein Attentat mit Ansage. Immerhin gehört die Zeitschrift zu den wenigen weltweit, die im Februar 2006 die Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Tageszeitung „Jyllands-Posten“ nachdrucken. Die „Jyllands-Posten“ und ihr Karikaturist Kurt Westergaard werden 2010 wegen der Karikaturen selbst das Ziel von Anschlägen.

Sonderheft „Charia Hebdo“

Nach dem Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien veröffentlicht „Charlie Hebdo“ am 2. November 2011 ein Sonderheft unter dem Titel „Charia Hebdo“. Das Magazin macht für die Sonderausgabe keinen geringeren zum Chefredakteur als „Mohammed“, der als Karikatur mit den Worten „100 Peitschenhiebe, wenn Sie sich nicht totlachen!“ auf der Titelseite abgebildet ist. Eine Provokation, die nicht ohne Folgen bleibt: Noch am selben Tag wird ein Brandanschlag auf die Reaktionsräume verübt, bei dem zum Glück niemand verletzt wird. Die Warnung ist unmissverständlich, doch einschüchtern lassen wollen sich die Macher des linksgerichteten Magazins nicht.

Im Gegenteil, man bleibt sich treu und veröffentlicht 2012 weitere Mohammedkarikaturen. Daraufhin wird in La Rochelle ein Mann festgenommen, der zum Mord an „Charlie Hebdo“-Chefredakteur und Herausgeber Stéphane Charbonnier aufruft. Anfang März 2013 wird Charbonnier, genannt Charb, als eine von zehn Persönlichkeiten „tot oder lebendig wegen Verbrechen gegen den Islam“ im Online-Magazin „Inspire“ „zur Fahndung“ ausgeschrieben. Das dem Al-Qaida-Zweig „Al-Qaida im Jemen“ zugeschriebene Magazin verwendet dabei die Slogans „Eine Kugel am Tag schützt vor Ungläubigen“ und „Verteidigt den Propheten Mohammed, Friede sei mit ihm“.

Thomas Thelen über das Buch „Der Fetzen“ von Philippe Lançon

Am 7. Januar 2015 eskaliert die Situation: Es ist der Tag, an dem in Frankreich der Roman „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq erscheint, in dem der Autor das Bild eines islamisierten Frankreich des Jahres 2022 beschreibt. Die neueste Ausgabe von „Charlie Hebdo“, die ebenfalls an diesem Tag an den Kiosken ausliegt, zeigt auf dem Titel eine Karikatur Houellebecqs. Im Inneren der Ausgabe findet sich zudem eine Karikatur von Chefredakteur Charbonnier mit der Überschrift „Noch keine Attentate in Frankreich“ und der gezeichneten Antwort eines bewaffneten Islamisten: „Warten Sie ab. Man hat bis Ende Januar Zeit, seine Festtagesgrüße auszurichten.“ Es sollte die letzte Karikatur von Charbonnier sein. Er ist eines von elf Opfern des Attentats vom 7. Januar 2015.

Lançons Buch, dessen Titel „Der Fetzen“ (im französischen Original „Le Lambeau“) darauf verweist, dass zur Wiederherstellung seines Unterkiefers ein Hautfetzen Fleisch aus seiner Wade transplantiert wurde, wird in Frankreich mehrfach ausgezeichnet. Nur auf der Liste der Nominierungen für den Prix Goncourt fehlt es, da für diesen Preis nur fiktionale Bücher infrage kommen. In den Sozialen Medien bricht wegen der Nichtberücksichtigung ein Sturm der Entrüstung los. So gut erscheint dem einen oder anderen dieses Buch, dass alles nach einer Änderung der Wettbewerbsregeln für den wichtigsten französischen Literaturpreis schreit. Letztlich ohne Erfolg, das Buch wird nicht nominiert, was seine Bedeutung und Größe in keiner Weise mindert. Dieses Buch hat keine Preise nötig. Es ist sich selbst genug.

Was Literatur vermag

Wenn auch kein Roman, ist „Der Fetzen“ ein beeindruckendes Beispiel dafür, was Literatur vermag. Das, was man immer mal wieder Büchern nachsagt, gilt für dieses ganz sicher: Man ist, nachdem man die letzte von insgesamt 551 Seiten gelesen hat, nicht mehr der, der man war, als man auf der ersten Seite zu lesen begonnen hat. Das sind gewaltige Worte und jeder, der das Glück hat, dieses Buch zu lesen, wird am Ende für sich selbst entscheiden können, ob sie zutreffend sind. Das, was Lançon widerfahren ist, hätte einen spannungsgeladenen Thriller hergegeben, doch he-
rausgekommen ist ein in sich ruhender, fast demutsvoller, enorm leiser Bericht, den man als Plädoyer gegen Hass und Gewalt lesen darf.

Lançons Buch, das der französische Schriftsteller Frédéric Beigbeder „ein unumstößliches, vollkommenes Meisterwerk“ nennt, ist so viel mehr als die bloße Beschreibung eines entsetzlichen Blutbades. Letztlich macht die Wiedergabe des eigentlichen Attentats gerade mal 30 Seiten aus, was Lançon per se von dem Verdacht frei spricht, er sei mit voyeuristischer Feder auf einen Bestseller aus gewesen. Das Gegenteil ist der Fall: „Der Fetzen“ ist kein Buch über ein feiges Attentat, sondern ein Buch, das erzählt, wie Lançons Leben fast buchstäblich zerteilt wurde, zerteilt in ein Vorher und ein Nachher. Zwischen diesem Vorher und diesem Nachher liegt das, was Lançon, der heute wieder als Literaturkritiker für die Tageszeitng Libération („Libé“) schreibt, das „fast nichts“ nennt. An einer Stelle des Buches heißt es: „Aber dieses fast nichts hört nie auf. Alles, was kommt, wenn man überlebt, wird von ihm bestimmt.“

Weite Teile des Buches spielen in den vier Krankenhäusern, in denen Lançon nach dem Attentat wiederhergestellt wird. Insgesamt verbringt er 282 Tage in vier unterschiedlichen Hospitälern und muss 17 Operationen über sich ergehen lassen. Eine besonders rührende Szene spielt auf der Station der Gueules cassées, der Kieferverletzten. Hier liegt ein Mann namens Ludo, der sich wegen einer Frau eine Kugel in den Kopf gejagt hat, ein missglückter Selbstmordversuch mit schlimmen Folgen. Das Kapitel trägt den Namen „Armer Ludo“. Immer wenn Lançon an der offenen Türe zu Ludos Zimmer über den Gang schleicht, sieht er für einen kurzen Moment hi-
nein. Als Lançon eines Morgens wach wird, weiß er im selben Moment, dass Ludo in der Nacht gestorben ist. „Als ich an diesem Morgen auf- und abging, wusste ich zwar, dass er nicht mehr war, suchte aber trotzdem nach dem armen Ludo. Die Tür stand offen. Das Zimmer war leer, die beschichtete Matratze kahl. Man würde saubermachen. Ich dachte weiterhin täglich an ihn, wenn ich an diesem Zimmer vorbeiging, das noch am selben Tag von einem anderen Patienten belegt wurde und künftig geschlossen blieb. Ich denke immer noch oft daran. Erinnere mich an den Tag, als ich ihn zum ersten Mal leben und dahinsterben sah.“

Schön und brutal zugleich

„Wie lange braucht man, um zu spüren, dass der Tod kommt, wenn man nicht mit ihm rechnet.“ Es sind Sätze wie dieser, die das Potenzial haben, sich in das Gedächtnis seiner Leser einzunisten. Dieses Buch, das schön und brutal zu gleichen Teilen ist, hinterlässt Spuren. Es wäre wünschenswert, wenn es auch in Deutschland möglichst viele Leserinnen und Leser finden würde. Es ist ein zutiefst menschliches, ein sehr besonderes Buch.

Buchcover „Der Fetzen“. Foto: Clett-Cotta Verlag
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