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Biografie über Robert Gilbert von Christian Walther

„Ein Freund, ein guter Freund“ : Bemerkenswerte Biographie über Librettisten Robert Gilbert

Der Berliner Journalist Christian Walther hat eine bemerkenswerte Biographie über den Librettisten Robert Gilbert geschriebe. Als Sohn des Operettenkomponisten Jean Gilbert („Die keusche Susanne“ mit dem Gassenhauer „Puppchen, du bist mein Augenstern“) wuchs er in einer Welt der leichten Muse heran, der er sich zunächst verweigerte.

Robert verfasste im weiteren Umfeld der KPD politische Lyrik und Kampflieder. Sein berühmtestes aus dieser Zeit ist das „Stempellied“, das – von Hanns Eisler vertont und von Ernst Busch gesungen – ein sozialistischer Klassiker wurde.

Aber das Leben des jungen Robert Gilbert nimmt im Berlin der 1920er Jahre bald einen anderen Verlauf. Sein Biograph begleitet ihn über Jahrzehnte, gibt einen repräsentativen Teil seiner Schöpfungen als bleibende Beispiele anspruchsvoller und erfolgreicher Pop-Texte an die Gegenwart weiter. Während der Naziherrschaft musste der nicht praktizierende Jude emigrieren und konnte nach dem Krieg nur leicht fremdelnd wieder nach Europa zurückkehren. Mit Heinrich Blücher und dessen Frau Hannah Arendt verband ihn eine lebenslange Freundschaft. Christian Walther belegt sie mit aus den Archiven zusammengesuchten Korrespondenzen.

Aber der Schwerpunkt seines interessanten und glänzend geschriebenen Buches liegt auf Gilberts Textarbeit an Operette („Im weißen Rössl“) und Schlagern („Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder“), für den beginnenden Tonfilm und die Zusammenarbeit mit Komponisten wie Friedrich Hollaender, Ralph Benatzky oder Robert Stolz. Seine Texte für die Comedian Harmonists, Heinz Rühmann oder für Marlene Dietrich waren in aller Munde.

Nach dem Krieg etablierte er sich als Übersetzer von amerikanischen Musicals. „My fair Lady“ wird sein Meisterstück. Das Cockney-English überträgt er in „gemäßigtes Weddingdeutsch“ (Friedrich Luft). Und er erfindet die geniale, bis heute zitierfähige Zeile „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen“, auf der Premieren-Bühne des Theaters des Westens dann ab dem 25. Oktober 1961 über ein Jahr en suite im Jargon „es jrient so jrien...“ zu hören.

Aber die Biographie von Christian Walther springt nicht nur von einem Ruhmgipfel zum nächsten. Die Zeit der Emigration, fern der muttersprachlichen, naziverseuchten Heimat, die Rückkehr und ein schwieriger Neuanfang im Kabarett (zusammen mit Erich Kästner), die Erkrankungen im fortgeschrittenen Lebensalter machen die dunkleren Seite eines zuweilen auch glamourösen Lebens aus. Immer wieder gerät Gilbert trotz üppiger Einnahmen in Geldsorgen, Alkohol belastet seine Gesundheit. Die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbrachte Robert Gilbert im Tessin.

Zeitlebens blieb er ein kritischer Beobachter der Politik. Er nahm die alten Nazis in Westdeutschland aufs Korn und geißelte den Stalinismus nicht nur Moskaus, sondern auch das, was er von ihm in Ost-Berlin wahrnahm. Insofern zeichnet sein Biograph das Porträt eines politisch wachen Zeitgenossen. Ein toller Bursche und ein tolles Buch!

(halo)