Autor Norbert Scheuer mit "Winterbienen" auf der Frankfurter Buchmesse

„Winterbienen“ für den Deutschen Buchpreis nominiert : Die Eifel ist für ihn das Zentrum der Welt

Norbert Scheuer erzählt in seinem neuen Roman „Winterbienen“ von einem Außenseiter in Kall. Mit dem Buch war der 67-Jährige für den Deutschen Buchpreis nominiert. Im Interview erzählt er unter anderem, warum er ausschließlich über die Eifel schreibt.

Am Montag, am Abend vor der offiziellen Eröffnung der Frankfurter Buchmesse wird Norbert Scheuer einigermaßen aufgeregt im Kaisersaal des Frankfurter Römers sitzen. Dann wurde der Deutsche Buchpreis verliehen; Scheuer gehörte mit seinem Roman „Winterbienen“ zu den sechs Nominierten auf der Shortlist. Der 67-Jährige lebt in Kall in der Eifel und hat diesen Ort zum Zentrum seiner literarischen Arbeit gemacht.

In „Winterbienen“ erzählt er von Egidius Arimond, der Ende des Zweiten Weltkriegs in Kall als Imker arbeitet, weil er als Epileptiker nicht wehrdiensttauglich ist, und Juden über die Grenze nach Belgien schmuggelt – auch, um Medikamente bezahlen zu können. Zudem rekonstruiert er die Geschichte seines Vorfahren, der um 1500 das Herz des Nikolaus von Kues an die Mosel gebracht hat. Ein faszinierender und vielschichtiger Roman, geschrieben im typischen Scheuer-Ton: ruhig, lakonisch und klar, an der Oberfläche leicht zu lesen, doch zugleich poetisch und philosophisch. Mit dem Autor sprach unser Redakteur Hermann-Josef Delonge.

Herr Scheuer, die Eifel, Kall, das Café im dortigen Supermarkt: Das sind Konstanten, die immer wieder in Ihren Büchern auftauchen. Wie wichtig ist dieses Ihnen wohlbekannte Setting für Ihr Schreiben?

Norbert Scheuer: Sehr wichtig, denn das ist ja die Welt, aus der ich berichte. Ich kann mir gar nicht vorstellen, Romane oder Erzählungen über etwas anderes zu schreiben. Das ist aber nicht ungewöhnlich, denn jeder Autor hat seine eigene Welt, über die er schreibt. Bei mir ist das vielleicht etwas extrem. Denn ich schreibe ausschließlich über diese Region, die wahrlich nicht im Zentrum der Welt liegt, die ich aber zum Zentrum der Welt mache. Denn eigentlich ist an jedem Ort das Zentrum der Welt. Das sagt übrigens auch der Philosoph Cusanus, der eine nicht unbedeutende Rolle in den „Winterbienen“ spielt.

Warum haben Sie für Ihren neuen Roman die Tagebuch-Form gewählt?

Scheuer: Aus mehreren Gründen. Es gab in Kall tatsächlich einen Imker, der die letzten Kriegsmonate beschrieben hat. Ich habe Teile aus seinem Tagebuch gelesen. Der Imker schreibt dort, dass er am Morgen aufgestanden ist, dass die Bienen ausgeschwärmt sind und dass auch Feindflugzeuge fliegen. Dieser Zusammenhang hat mich fasziniert. Ich wusste sofort: Das ist der Stoff für einen Roman. Außerdem habe ich nach einer Form gesucht, die es mir gestattet, quasi unvoreingenommen und ohne Reflexionsebene über diese Zeit zu schreiben. Das war mir wichtig, um nicht moralisierend daherzukommen.

Sie sind Jahrgang 1951, die Folgen des Kriegs waren in Ihrer Kindheit noch präsent. Hat man in Ihrer Familie viel darüber gesprochen?

Scheuer: Nein. Aber ich bin als Sohn von Gastwirten in einer Kneipe aufgewachsen. Da habe ich natürlich viel mitbekommen, was an der Theke so besprochen wurde.

Herr Scheuer, Sie waren nie sehr glücklich darüber, als „Heimatschriftsteller“ oder auch als „Anti-Heimatschriftsteller“ tituliert zu werden. Haben Sie mittlerweile Ihren Frieden damit gemacht?

Scheuer: Irgendwann muss man sich mit diesen Zuschreibungen abfinden, sonst wird man ja verrückt. Tatsächlich kommt das auch nur noch selten vor. Grundsätzlich gilt doch: Jeder, der etwas schreibt, schreibt über eine innere Heimat.

In einem Porträt, das vor kurzem im Berliner „Tagesspiegel“ erschienen ist, werden Sie als „einer der großen Unbekannten der deutschsprachigen Literatur“ bezeichnet. Ist das zutreffend? Und wenn ja: Haben Sie diese Position bewusst gewählt?

Scheuer: Bislang habe ich meine Romane und Geschichten geschrieben, die dann mehr oder weniger viel gelesen und von der Kritik immer sehr gut besprochen wurden. Als Person stand ich dabei aber nie im Fokus. Bis vor kurzem hatte ich ja auch noch einen Hauptberuf, der das gar nicht zugelassen hätte. Das ändert sich mit meinem neuen Buch gerade. Ich träume jetzt schon davon, dass es wieder so ist wie einst. Es wäre allerdings auch unehrlich zu behaupten, dass man als Schriftsteller nicht gehört werden will. Man muss die Balance finden zwischen Ruhe und Außenwirkung. Ich hoffe, dass mir dies bald wieder gelingt.

„Winterbienen“ wird von der Kritik überschwänglich gelobt. Sie erhalten dafür den Raabe-Preis und stehen auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, der am Vorabend der Buchmesse verliehen wird. Empfinden Sie das als längst überfällige Bestätigung Ihrer Arbeit? Oder denken Sie nicht in diesen Kategorien?

Scheuer: Es ist ja nicht so, dass meine Arbeit bislang nicht gewürdigt worden ist. Was gerade passiert, ist eher ein medialer Hype, der auch viel mit Zufällen zu tun hat. Das Thema „Bienen“ zum Beispiel interessiert gerade aus triftigen Gründen viele Menschen. Ich sehe das also nicht als längst überfällige Bestätigung. Ich hatte nie den Eindruck, übersehen worden zu sein.

Lesen Sie Kritiken?

Scheuer: Natürlich. Schon allein deshalb, weil ich dann endlich mal mein eigenes Buch verstehe (lacht). Es gibt so viele Aspekte in einem Buch, die eine Rolle spielen und die auch in meinem Hinterkopf sind, die aber beim konkreten Erzählen der Geschichte nicht im Vordergrund stehen. Ich will eine Geschichte erzählen und kann dabei nicht andauernd darüber nachdenken, was das und das bedeutet. So funktioniert mein Schreiben nicht. Kluge Rezensionen oder auch Gespräche mit Lesern öffnen diese Reflexions- und Metaebene dann wieder.

Wie wichtig wäre es für Sie, den Deutschen Buchpreis zu gewinnen?

Scheuer: Das wäre ganz wunderbar. Auch für meinen Verlag. Denn damit wären Auflagen verbunden, die ich bisher nicht erreicht habe. Andererseits: Für mich würde es zunächst sehr viel Arbeit bedeuten.

Die auf Ihrer Prioritäten- und Spaßliste nicht ganz oben stehen würde.

Scheuer: Aber nur, weil es dann so geballt über mich käme. Wer zu viel Zucker isst, hat ihn irgendwann ja auch über. Aber trotzdem würde ich mich natürlich sehr freuen und das alles auf mich nehmen (lacht).

Haben Sie die Bücher Ihrer Mitbewerber gelesen? Generell gefragt: Nehmen Sie die Gegenwartsliteratur zur Kenntnis, oder sind Sie auf das fokussiert, was Sie selbst schreiben?

Scheuer: Ich lese tatsächlich sehr viel. In der aktuellen Belletristik bin ich allerdings nicht so bewandert. Denn das würde mich vom Schreiben abhalten beziehungsweise mich dabei beeinflussen. Das möchte ich nicht.

Muss man Befürchtungen haben, dass die Eifel irgendwann auserzählt ist?

Scheuer: Nur dann, wenn ich irgendwann einmal auserzählt sein sollte.

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