1. Kultur
  2. Buch

„Vox“ von Christina Dalcher: Apokalyptischer Thriller experimentiert mit radikalem Sprachentzug

„Vox“ von Christina Dalcher : Apokalyptischer Thriller experimentiert mit radikalem Sprachentzug

Stellen Sie sich vor, radikale Evangelikale ergreifen die Macht und drehen das Rad der Geschichte zurück: Alle Frauen zurück an den Herd, kein Wahlrecht mehr, Männer haben überall das Sagen.

In dieser vermeintlich gottgewollten Ordnung darf es keine gleichgeschlechtlichen oder vorehelichen Beziehungen mehr geben, Abtreibung und Ehebruch sind sowieso Todsünde. Auf solche Subjekte wartet im besten Fall das Arbeitslager.

In ihrem apokalyptischen Thriller „Vox“ entwickelt Christina Dalcher das schaurige Gedankenexperiment noch weiter: Die Stimme der Frauen muss im Sinne der Gottesfürchtigen, der selbsternannten „Reinen“, für immer zum Schweigen gebracht werden. Fortan dürfen Frauen und Mädchen nur noch hundert Wörter pro Tag sprechen. Sie alle tragen deshalb ein Armband mit Zählwerk. Werden die hundert Wörter überschritten, trifft sie ein Stromschlag.

Dalcher zeigt, was die Reduktion, ja der Verlust von Sprache mit Menschen macht. Sprache bestimmt das Wesen der Menschen, ihre Beziehung zueinander. Sprache ist aber auch Herrschaft, weshalb sich autoritäre und totalitäre Systeme ihrer gern bemächtigen, in der digitalen Medienwelt mehr denn je. Genau das macht den Reiz von Dalchers Dystopie aus.

Der radikale Sprachentzug trifft die Heldin des Romans Jean McClellan ganz besonders. Denn als renommierte Sprachwissenschaftlerin forschte sie einst über Sprachstörungen nach Hirnschädigungen, sogenannten Aphasien. Nun ist sie zu geistiger Ödnis verdammt. Wie alle Frauen aus ihrem Job entlassen, wird sie von den herrschenden Baptisten auf ihre Rolle als „Engel des Heims“ reduziert. Sie darf sich nur noch um ihre Familie kümmern. Bücher und E-Mails sind für sie tabu, sie muss jeden Tag Wörter sparen, sodass sie ihrem Mann oft nur noch mit einem Kopfnicken antwortet und ihrer Tochter Sonia statt einer Gutenachtgeschichte Melodien vorsummt.

Das Schicksal dieser Fünfjährigen sorgt sie ganz besonders. Denn während die drei Brüder drauflos quasseln, ist die Kleine zum Schweigen verurteilt. Was macht das mit der intellektuellen Entwicklung eines Kindes? Als Sonia eines Nachts im Schlaf spricht und der Wörterzähler rast, kommt es fast zur Katastrophe.

Eines Tages aber braucht die Regierung Jeans Hilfe. Der Bruder des Präsidenten ist an einem schweren Schädel-Hirn-Trauma erkrankt. In der Stunde der Not ist das Expertenwissen einer Frau plötzlich gefragt. Für eine begrenzte Zeit darf Jean wieder sprechen und forschen. Als die Wissenschaftlerin ihre Laborarbeit wieder aufnimmt, entdeckt sie Ungeheuerliches.

Dalchers Roman, der sich in der zweiten Hälfte immer mehr zu einem rasanten Thriller entwickelt, erinnert in manchem an Margaret Atwoods vor über 30 Jahren verfasste Dystopie „Der Report der Magd“. Auch hier wird eine Gesellschaft geschildert, in der christliche Fundamentalisten die Macht übernommen haben und Frauen in die Rolle der Dienerinnen zwingen.

Dalcher potenziert die verordnete Geschlechterapartheit noch durch Sprachverbote. Beängstigend ist, dass die Wirklichkeit sich der Dystopie in diesen 30 Jahren eher angenähert hat. Denn die Macht der radikalen Prediger in den USA ist ja eher stärker als schwächer geworden, fundamentalistisches, frauenfeindliches Gedankenkengut wieder im Aufwind. Nichts scheint mehr unmöglich.

(sip)