„Als der Wagen nicht kam“ von Manfred Lütz und Paulus van Husen

Historisches Buch : „Als der Wagen nicht kam – Eine wahre Geschichte aus dem Widerstand“

Der Jurist Paulus van Husen (1891-1971), aus dessen Memoiren der Herder-Verlag jetzt neue Auszüge veröffentlicht hat, zählt zusammen mit seinem Freund Hans Lukaschek zu den führenden katholischen Vertretern im Widerstand gegen Hitler.

Beide gehören dem „Kreisauer Kreis“ um Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg an. Die Gruppe arbeitet im Geheimen an Plänen für einen staatlichen Aufbau Deutschlands nach dem Kriegsende. „Er war ein religiös und ethisch fundierter Mensch, was auch an seiner Weigerung, in die NSDAP einzutreten, abzulesen ist“, sagt der Historiker Johannes Hürter vom Institut für Zeitgeschichte in München über van Husen. Für den Juristen im Staatsdienst war das sicher keine leichte Entscheidung.

Van Husen, der später zu den Mitbegründern der CDU in Berlin gehörte, erzählt in seinen Erinnerungen, wie er 1939 einer jüdischen Familie half, vor dem Nazi-Terror in die Schweiz zu fliehen. Doch van Husen übt auch Selbstkritik, etwa als er beschreibt, wie er sich aus Sorge vor Repressalien gegen die eigene Familie dagegen entschied, sich bei der Gestapo für einen anderen jüdischen Bekannten einzusetzen. In diesem Zusammenhang stellt er fest: „Unter einer Schreckensherrschaft lässt es sich schwer bestimmen, wo die Tugend des Maßhaltens aufhört und die Feigheit anfängt. Infolge der Schwierigkeit dieser Abwägung sind sechs Millionen Juden zu Tode gekommen.“

„Bis in die 1960er Jahre hielten weite Teile der Bevölkerung die Verschwörer des 20. Juli noch für Verräter“, sagt Hürter. Dann folgte eine Phase, in der dieser Teil des deutschen Widerstands in einer Art und Weise glorifiziert wurde, die nach Ansicht des Historikers zu viele problematische Aspekte ausblendete. Er mahnt zur Vorsicht: „Man kann die Frage nach dem Motiv der Verschwörer des 20. Juli nicht für alle mit absoluter Sicherheit beantworten. Insgesamt spielte die Sorge um die Niederlage Deutschlands und ihre Folgen eine größere Rolle als die Empörung über den Holocaust.“ In den Jahren 1940 und 1941 sei von aktivem Widerstand nicht viel spürbar gewesen.

Hürter betont, bei aller Bewunderung für den Mut der Verschwörer dürfe man nicht vergessen: „Stauffenberg war kein Demokrat, er wollte keine Republik, sondern etwas Autoritäres.“ Auch die Pläne der „Kreisauer“ hätten „durchaus demokratische Defizite gehabt“. Van Husen war preußischer Staatsbeamter, Richter, später Reserveoffizier im Oberkommando der Wehrmacht. Als Mitglied des „Kreisauer Kreises“ wird er nach dem missglückten Hitler-Attentat verhaftet. Dass er überlebt, hat er seinem Geschick bei den Verhören durch die Gestapo zu verdanken. Doch es war wohl auch ein wenig Glück dabei oder, wie er als gläubiger Katholik es empfindet, göttliche Fügung. Der Volksgerichtshof verurteilt ihn zu einer Zuchthausstrafe. Als die Rote Armee Berlin erreicht, kommt er frei. 1952 wird er Präsident des NRW-Verfassungsgerichtshofs.

Nicht ohne Verbitterung bemerkt er, bei seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst 1959 habe er beim Oberverwaltungsgericht in NRW nur wenige Richter entdecken können, die früher nicht NSDAP-Mitglieder gewesen seien. Dass 1954 in Nordrhein-Westfalen der Autor eines Pamphlets mit dem Titel „Unter jüdischer Pfandknechtschaft“ als Verwaltungsrichter eingestellt worden sei, habe er vergeblich zu verhindern gesucht.

(abc)
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