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Erzählungen von Ella Carina Werner: 40? Großartiges Alter!

Erzählungen von Ella Carina Werner : 40? Großartiges Alter!

„Titanic“-Redakteurin Ella Carina Werner bietet in ihrem Kurzgeschichtenband „Der Untergang des Abendkleides“ ein lesenswert-lustiges Sammelsurium an Alltagssituationen – dick aufgetragene Klischees und politische Seitenhiebe inklusive

Sprachwitz ist Ella Carina Werners Metier, sie arbeitet als Redakteurin beim Satiremagazin „Titanic“. Ihr Kurzgeschichtenband „Der Untergang des Abendkleides“ ist ein sehr lesenswertes Sammelsurium von Alltagssituationen, die sie gekonnt ins Absurde überspitzt.

Vor allem – aber nicht nur – Frauen um die vierzig dürfen sich angesprochen fühlen. Zumal die erste Erzählung „Vierzig“ heißt. Darin erklärt die Autorin, geboren 1979, unumwunden, warum das gerade für Frauen ein großartiges Alter ist. Insbesondere im Vergleich zu zwanzig: „Mit vierzig kann man sich um die Rente sorgen. Den ganzen Tag um die Rente sorgen, herrlich. Mit zwanzig kann man das nicht, da wäre man sogar aus der Jungen Union rausgeflogen. (. . .) Mit vierzig kann man sich einen Jahrzehnte jüngeren Part­ner angeln, so wie diese coole Sau Brigitte Macron. Mit zwan­zig ist das nach unten hin begrenzt.“

Ein anderes Mal schildert Ella Carina Werner ein Abi-Treffen nach zwanzig Jahren: „Es war nicht mehr dieses Herumgepose wie vor zehn, fünfzehn Jahren, als alle noch beim Sortieren und Ankommen waren. Alle waren inzwischen irgendwo an­gekommen, wie fragwürdig auch immer.“ Der geschniegelte Jörn, der nach dem BWL-Studium große Karriere als Investmentberater gemacht hat, fragt: „Bist Du nicht Analytikerin?“ „Satirikerin“, antwortet sie. Es entspinnt sich ein urkomischer Dialog zwischen zwei Vertretern gegensätzlicher Lebensentwürfe, gespickt mit dick aufgetragenen Klischees und vielen politischen Seitenhieben.

 Ella Carina Werner: „Der Untergang des Abendkleides“ (Satyr), 176 Seiten, 18 Euro
Ella Carina Werner: „Der Untergang des Abendkleides“ (Satyr), 176 Seiten, 18 Euro

In der Geschichte „Der schönste Tag“ fragt die Tochter die Mutter nichtsahnend nach deren Erinnerungen an die Geburt der Tochter. Es folgt der Bericht über ein schreckliches Gemetzel – gespickt mit Zitaten aus den Kriegsfilmen „Platoon“ und „Full Metal Jacket“.

Sei es Kino, Musik oder Literatur – Anspielungen aus der Popkultur platziert die Autorin in den insgesamt 34 Erzählungen immer wieder geschickt. Zum Beispiel, wenn es heißt: „Ich will mich nicht mehr fühlen wie in einem Song von Tocotronic.“

Zu den lustigsten Erzählungen gehört ein gemeinsamer Abend dreier Schulfreundinnen, die unter Einfluss diverser Flaschen Rotwein einen alten Jugendtraum aufgreifen und beschließen, endlich eine Band zu gründen. Stilrichtung: „Punk leicht verblühter Akademikerinnen, die teilweise sogar Kinder haben“. Songtitel sind schnell gefunden, darunter „Per Taxi in die Hölle“, „Fußpilz in Flensburg“ und „Macht aus dem Staat Couscoussalat“. Beim Bandnamen gehören „Menopause Turbosause“ und „Eiternde Kaiserschnittnarbe“ zu den Favoriten – keine Kost für zartbesaitete Seelen.

Ella Carina Werner ist eine der Mitgründerinnen des ersten deutschen „Diary Slam“. Er findet seit 2011 in Hamburg statt. Dabei werden vor Publikum Tagebücher um die Wette vorgelesen. Auch die Autorin selbst tritt live auf. Hoffentlich kommt sie auf Lesereise in die Region, wenn die Corona-Lage es wieder zulässt.