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Aachen: Botschaft mit Kettensäge und Hakenkreuz

Aachen : Botschaft mit Kettensäge und Hakenkreuz

Das Bild macht stutzig. Ein Mann mit dicker Nase und Seitenscheitel sitzt, eine Kardinalsmütze auf dem Kopf und eine Hakenkreuz-Binde am Arm, in seinem Bett. Daneben eine Frau mit Brille, die großen Brüste bloß gelegt, ein Knochen im Haar und eine Kettensäge in der Hand.

Rechts lächelt ein Mann mit weißem Turban und langem Bart aus einem Bilderrahmen an der Wand, links ein Schaf in einem Herz der Liebe. Ein Rollstuhl steht in der Ecke. Eine Atombombe mit Kondom fällt von der Decke. Unter dem Bild: ein Filzschreiber, ein Feuerzeug und eine Überschrift: „Der Cartoon zum Selberzensieren!”

Mit dem ersten Platz beim Catoonwettbewerb - ausgeschrieben vom Kreis Aachen, dem Kunst- und Kulturzentrum Monschau sowie von unserer Zeitung - hatte Steffen Gumpert nicht gerechnet. Dass sei ja auch irgendwie vermessen, sagt er am Freitag bei der Vorstellung der Plazierten im Gebäude des Aachener Zeitunsgverlages. Ihn hätte es schon gefreut „nur” in die Ausstellung zu kommen. 163 Künstler aus 34 Ländern - von Australien bis Weißrussland - hatten sich beteiligt. 463 Arbeiten wurden eingereicht. Das Thema: Zensur. Der Sieger: ein überraschter Steffen Gumpert.

Wenn schon, dann auch richtig, dachte sich der 32-jährige Berliner. „Ich habe jedes gesellschaftliche Tabu eingebaut, das mir eingefallen ist”, sagt er. „Von Sodomie bis Pornografie.” Mit Stift und Feuerzeug könne jeder - je nach Ländersitte - selber zensieren. „Besser man selbst als andere. Nur nicht entmündigen lassen”, lautet seine Botschaft.

„Eine wichtige Erkenntnis”, findet auch Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung. Zensur käme nicht nur in Diktaturen vor. „Sie kann auch von Innen heraus kommen.” Gerade als Tageszeitung habe man sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. In der Jury sei man sich indes nicht immer einig gewesen. Zwei Lager habe es gegeben. „Die Journalisten und die Karikaturisten.” Die Siegerbeiträge hätten es geschafft, beide Seiten zu begeistern. „Mit Kunst und Inhalt.”

So auch Volker Kischkel. Etwas sagen zu seiner Zeichnung mag der 54-jährige Bremer nicht. „Cartoons erklären sich selbst”, sagt er. Dann machen das andere: Ein Mann sitzt in einem Lehnsessel und liest die Zeitung. Darüber: ein Papagei auf der Stange, den Fuß an einer Schnur fest-, den Schnabel mit einer Schleife zugebunden. Keine spektakuläre Darstellung, keine Überzeichnung. Eine leise Botschaft - pointiert, unmissverständlich, auf den Punkt gebracht. Der Titel: Feierabend. Platz zwei, urteilte die Jury.

Nina Mika-Helfmeier freut sich über den großen Erfolg des Wettbewerbs. Gerade in Deutschland gäbe es noch erheblichen Nachholbedarf, den Cartoon als bildende Kunst wahrzunehmen. Die Leiterin der Stabsstelle Projektentwicklung im Kreis Aachen hat es geschafft, die vielen Künstler aus aller Welt für das Thema zu begeistern. „Eine tolle Zeit”, sagt sie. Jeden Morgen habe sie sich auf die neuen Cartoons gefreut.

Darunter auch ein Beitrag von Bretislav Kovarik, 57, aus Tschechien: Häuser, alle gleich, alle mit rotem Dach, vier Fenstern und einer Tür. Die Schornsteine qualmen - alle in die gleiche Richtung. Bis auf einen. Vor der Tür dieses Hauses parkt ein Auto. Männer mit Mänteln und Hüten stehen davor und klingeln. „Ich mag es, wenn meine Karikaturen viele Varianten bieten, sie zu lösen”, sagt der Künstler.

Vielfalt spiegelt sich nicht nur in der Zeichnung Kovariks. „Wir haben Karikaturen aus China, aus dem Iran oder dem Irak bekommen”, sagt Bernd Mathieu. Es sei sehr spannend, wie unterschiedlich das Thema Zensur erarbeitet wurde.

Zu sehen sind rund 80 Cartoons des Wettbewerbs ab sofort im Kunst- und Kulturzentrum Monschau, Austraße 9. Öffnungszeiten sind dienstags bis freitags von 11 bis 17 Uhr sowie samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr. Ab dem 28. August werden die Karikaturen dann im Internationalen Zeitungsmuseum in der Pontstraße in Aachen ausgestellt.