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Aachen: Bosch drückt im Dom aufs Tempo

Aachen : Bosch drückt im Dom aufs Tempo

Beethoven hat die „Missa solemnis” als sein größtes Werk bezeichnet. Sein kühnstes, utopischstes ist sie jedenfalls. Beethovens schöpferische Fantasie operiert hier oft rücksichtslos an den äußersten Grenzen des noch Realisierbaren.

An einigen Stellen, vor allem am Ende der Credo-Schlussfuge, vermag die ekstatische Vision ihres Schöpfers die sperrige Klangmaterie nicht mehr zu idealer Verwirklichung zu bringen. Das Gewaltsame ist dem Werk quasi einkomponiert, es gehört zu seinem höchstgesteigerten Ausdruckswillen.

Mit diesem Problem hat sich jede Aufführung auseinanderzusetzen. Aachens Generalmusikdirektor Marcus R. Bosch, der die „Missa” nun im Aachener Dom zu Gehör brachte, wäre der Letzte, der sich dem nicht stellen würde. Er spitzte das Problem durch schnelle Tempi vor allem in Gloria und Credo sogar noch zu und dies ohne Rücksicht auf die akustischen Gegebenheiten des Domes.

Was in einem idealen Konzertsaal noch möglich sein mag, gerät unter der widerhallenden Kuppel des Raumes leicht zum klanglichen Chaos. Das traf insbesondere auf die erwähnte Credo-Fuge zu, in deren sich überstürzender Hektik jede musikalische Profilierung erbarmungslos unterging.

Technisch konnte er sich dieses Extrem leisten: Sein Chor der „vocapella” ist ein Eliteensemble in jeder Hinsicht, stimmlich wie was Prägnanz, Beweglichkeit und musikalische Intelligenz angehen. Auch die vier Solisten Alexandra Coku, Daniela Denschlag, Andreas Scheidegger und MartinBerner lösten ihre so schwierigen wie undankbaren Aufgaben souverän, gleich, was Bosch ihnen an Tempi oft zumutete.

Sehr schön gerieten manche ruhige Passagen wie das Et in carnatus, das Orchesterpräludium zum Benedictus, das Agnus Dei. Aachens Sinfonieorchester spielte ungemein differenziert bei - vermutlich beabsichtigter - Dominanz der Bläser.

Der größte Beethoven-Dirigent der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Wilhelm Furtwängler, mied in späteren Jahren die „Missa”, weil er ihre klanglichen Probleme nicht für lösbar hielt. Bosch löste sie auch nicht, er demonstrierte sie eher.