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Aachen: Boris Vian setzt das scharfe Skalpell an und schneidet tief

Aachen : Boris Vian setzt das scharfe Skalpell an und schneidet tief

Kein Wort Text, aber was für eine Präsenz! Jochen Deuticke verkörpert im Stück „Die Reichsgründer oder Das Schmürz“ des Surrealisten Boris Vian, uraufgeführt 1959, grandios besagtes „Schmürz“, ein Wesen, das nie erwähnt, beharrlich verleugnet und heftig gequält wird — das kollektive schlechte Gewissen, dem man mörderisch zu Leibe rückt.

Theater K in der ehemaligen Tuchfabrik Becker: Die Fensterrahmen rosten, Staub liegt auf dem bescheidenen Mobiliar, draußen strömt Regen. Das alles hat morbiden Charme — eine kluge Entscheidung, hier mit einem brillanten Ensemble das bissige, dunkle Werk eines Ausnahme-Autors aufzuführen. Agma Formanns hat sich in ihrer Regie intensiv auf Vian eingelassen, indem sie die Zeitlosigkeit seiner Kritik herausarbeitet. Ihre Personenführung ist dicht, präzise, differenziert mit Lust am Detail, Raum für Schwarzen Humor und irrwitzige Aktionen.

Wo Vians Spott wie ein Skalpell die Bourgeoisie mit all ihrer Falschheit und Egozentrik seziert, lässt Agma Formanns die Protagonisten zum Obstmesser greifen, das vom Dienstmädchen abgewischt werden muss, nachdem man es dem Prügelknaben „Schmürz“ ins Kreuz gerammt hat. Sobald der Raum wieder vom Dröhnen eines schrecklichen Geräuschs erschüttert wird, verfallen die Akteure in Panik.

Man greift nach Koffern und Haushaltskrempel samt vertrocknetem Weihnachtsbaum und flieht ins nächst obere Stockwerk. Aber irgendwann ist damit Schluss, die Dachkammer zwingt zur Entscheidung. Mehr und mehr geht verloren — das Radio und die Schallplatten, die Standuhr, jegliche Identität. Tochter Zenobie ist die einzige, die sich noch wehrt, die fragt.

Leonie Gareis spielt sie frisch, rebellisch. Schließlich ist aber auch sie zerbrochen. Annette Schmidt ist als Dienstmädchen Cruche eine Gestalt voller Witz und Dynamik, die sich aus der Sklavenhalter-Mentalität der Arbeitgeber ausklinkt. Anton Schieffer und Mona Creutzer sind als Ehepaar quietschvergnügt, ignorant und grausam.

Alles wird schöngeredet, verdreht, bekichert. Das Leben ist grandios — auch ohne Wohnung. Gab es die überhaupt? Wo Madame mit ihrem tiefen Dekolleté (Kostüme Ina-Verena Zuta)locker an frühere Lust anknüpft, ist Monsieur mit seinen schlüpfrigen Erinnerungen nicht weit. Die Dialoge der beiden sind gelebter Zynismus, locker, perfekt, perfide.

Martin Päthel hat als Nachbar den eher behäbigen Part, den er mit stoischer Miene umsetzt. Und dann „Das Schmürz“: Jochen Deuticke, der Blick stechend, der Mund wie bei Edvard Munchs Bild „Der Schrei“ unter der Strumpfmaske aufgerissen, stumm leidend unter den Attacken, die stets kommen, wenn Erkenntnis oder Einsicht drohen. Blutig, mit zerfetzten Verbänden übersät, erstarkt er in der letzten Dachkammer, sitzt aufrecht da wie ein Orakel, denn das Ende dieser Gesellschaft naht.

Alles zerbricht, der Hausherr verliert den Verstand, die Familie ist nicht mehr existent. Familie? Hatte er die je? Ein spannender Abend im Theater K in einer Umgebung, die wie geschaffen ist für Boris Vian. Eine große Leistung, begeisterter Applaus für alle.