Düsseldorf: Biografie-Puzzle liegt im Trend zum Echten

Düsseldorf: Biografie-Puzzle liegt im Trend zum Echten

Tricks und Täuschungen sind im Theater keine Seltenheit. Doch von besonderer Art sind sie derzeit im Central am Hauptbahnhof, der neuen Spielstätte des Düsseldorfer Schauspielhauses.

Ein Tisch schwebt, ein Spazierstock tanzt, eine Frau verschwindet. Vor rotem Samtvorhang und glimmenden Varietlämpchen haben nicht Schauspieler ihre Finger im Spiel, sondern ganz andere Manipulatoren.

Denn das renommierte Regie-Kollektiv Rimini Protokoll hat für sein neues Projekt „Der Zauberlehrling” wieder emsig recherchiert und „Experten des Alltags” gecastet: Zwei deutsche Zauberer, eine isländische Journalistin und ein russischer Ex-Oberstleutnant holen die Wirklichkeit auf die Bühne - als irritierende Gratwanderung zwischen Schein und Sein.

Die vier Meister der Illusion geben Einblicke in ihre Lebensläufe - weniger als Selbstdarsteller denn als Selbsterzähler: Fast 80-jährig hat Günter Klepke, der „Zauberkönig” von Berlin, die größten Erfahrungen, Zuschauer zu bezirzen. Locker plaudert der etwas schmierige Charmeur aus dem Zauberkästchen, hantiert mit unsichtbaren Karten und indischen Seilen.

Gedankenlesend und löffelbiegend eifert ihm Markus Kompa nach, der auch als Rechtsanwalt des Illusionisten Uri Geller arbeitet („Das glaubt mir niemand”). Mit magischen Medien-Tricks kennt sich Herdis Sigurgrimsdottir aus, die als Presseoffizierin im Irak mit Hilfe eines Bildbearbeitungsprogramms unliebsame Informationen verschwinden ließ. Am bescheidensten tritt Stanislav Petrov auf, „der Mann, der den Dritten Weltkrieg verhinderte”.

Als der Computer dem Offizier 1983 einen Atomraketenangriff der USA auf die UdSSR meldete, behielt er einen klaren Kopf, entschied auf Fehlalarm - und drückte nicht auf den roten Knopf für den Gegenschlag. Dieses Biografie-Puzzle - ergänzt durch eingeblendete Texte, Fotos und Grafiken - ist nicht so raffiniert collagiert wie in der Düsseldorfer Marx-Produktion „Das Kapital” vor zweieinhalb Jahren; so schrullige Typen finden die Recherche-Künstler Helgard Haug und Daniel Wetzel auch nicht immer.

Die meisten Zuschauer lassen sich vom Charme des Unperfekten bezaubern und 100 Minuten lang bestens unterhalten. Rimini-Protokoll-Neulinge lernen in diesem Dokumentar-Erzähltheater zudem den Trend zum Echten kennen, der immer mehr Bühnen erobert - auf ähnliche Weise im Theater Aachen in dieser Saison mit Jenke Nordalms Senioren-Projekt „Heut werd ich nicht alt”.

Weitere Aufführungen im Central in der alten Paketpost am Hauptbahnhof, Düsseldorf, Worringer Straße 140: 27. und 28. Mai, 20 Uhr.

Mehr von Aachener Zeitung