Aachen: „Biografie: Ein Spiel“: Dem Leben eine andere Wendung geben?

Aachen: „Biografie: Ein Spiel“: Dem Leben eine andere Wendung geben?

„Es musste nicht sein“ — diese so schlichte wie erschütternde Erkenntnis prägt das Ende einer Kette von quälerischen Versuchen, etwas zu ändern, was in seinem Entstehen eine seltsam zwanghafte Notwendigkeit hat. Den Lebenslauf in eine andere Bahn lenken — das funktioniert nicht. Oder doch? „Biografie: Ein Spiel“ nannte Max Frisch sein Stück, das 1967 entstand und 1968 in Zürich uraufgeführt wurde.

Für die Bühne des Grenzlandtheaters Aachen hat Renate Fuhrmann das komplizierte, von Frisch als „Komödie“ bezeichnete Bühnenwerk entwirrt. Keine leichte Aufgabe, denn das ständige Vor- und Zurückspulen von Handlung, Emotionen und Reaktionen sowie den damit verbundenen schicksalhaften Folgen verlangt extreme Konzentration.

Keine meditative Ordnung

Für den unvorbereiteten Zuschauer ist es nicht so leicht, den roten Faden zu ergreifen. Eine „erzählende“ Bühne, die mit symbolischen Anspielungen bis zum letzten Winkel angefüllt ist, schuf Manfred Schneider (auch Kostüme). Zwar bewegen sich die Akteure auf einem großen Schachbrett, aber die Ordnung aus hell- und dunkelbraunen Feldern ist zerschnitten und sogar auf den Kopf gestellt. Von der meditativen Ordnung eines königlichen Spiels ist da kaum noch etwas übrig. Im Laufe des Stücks gibt es immer wieder den Anlauf, ein paar Züge mit Bauern, Pferd und Läufer zu schaffen, aber schließlich fliegen dann doch die Figuren vom Brett.

Was passiert? Der Verhaltensforscher Hannes Kürmann erhält von einer unsichtbaren Macht die Erlaubnis, seine Biografie zu korrigieren. Kürmanns größter Wunsch: ein Leben ohne Antoinette, denn die Ehe mit ihr scheiterte. Sie ist der Stachel in seinem Fleisch.

Jetzt gilt es mit Unterstützung eines Spielleiters, den Moment zu verhindern, der aus einer zufälligen Begegnung die später unglückliche Beziehung hat erwachsen lassen. Aber geht das? Führt das Wissen um die Zukunft zu nachträglichen Entscheidungen, die das Unglücklichsein verhindern?

Frank Büssing spielt Hannes Kürmann in all seiner selbstquälerischen Schwäche. Ein hilfloser Held, der aufgewühlt mit einer Mischung aus Egozentrik und verzweifeltem Bemühen durch die unterschiedlichen Phasen seines Lebens wankt. Dem Zusammenbruch nah, greift er zum Alkohol, brüllt herum, knallt Türen. An seiner Seite ist Dunja Dogmani die quirlige, selbstbewusste und sprunghafte Antoinette. Sie bleibt konzentriert, hat Ausstrahlung und viel Energie.

Als diabolischer Spielleiter mit Engelsflügeln am Jackett (das pausbäckige Engelchen-Bild an der Bühnentür ist etwas übertrieben) blättert Roman Kohnle Kürmanns Biografie immer wieder vor und zurück, liest laut, gibt Anweisungen, kritisiert und analysiert, unterbricht die Akteure und sorgt für neue Versuchsanordnungen. Wiederholt stellt er Kürmann die entscheidende Frage: Soll dieses Ereignis ausgeblendet werden? Soll das Leben an diesem Punkt nochmals neu beginnen?

Aber Kürmann ist nicht bereit, Opfer zu bringen. Nochmals Jugend, weil so ein Junge sein Auge behalten würde, den der junge Frank durch einen Unfall verletzt hat? Nochmals die erste Ehe, damit der Suizid von Ehefrau Nr. 1 verhindert wird? Nein, viel zu mühsam. Scharfzüngig umkreist der Spielleiter das Schachbrett, bietet diverse Figurenaufstellungen an, die Kürmann alle verwirft.

Beginn mit Irritation

Gemeinsam schaffen es diese drei hochkarätigen Akteure, Frischs Gedankenspiel mit dem Schicksal Struktur zu geben. Jeder für sich ist eine facettenreiche Persönlichkeit.

Renate Fuhrmann riskiert eine anfängliche Irritation, die zum Hinschauen verlockt. Unerbittlich wiederholen sich Dialoge, Gesten, Bewegungen, Requisiten. Theaterhandwerk als analytischer Vorgang, bei dem die Regisseurin den Gestalten zum Glück Raum gibt, damit man Frischs Ansatz nach und nach begreifen kann. Kleine Brüche sind willkommen. „Brötchen gibt es jetzt nicht mehr“, seufzt der Spielleiter, als ihm nach einer Frühstücksszene der lebens- und liebeshungrige Kürmann alles weggefuttert hat, der „Morgen danach“ aber noch ein paar Mal wiederholt werden muss.

Mehr und mehr wird klar, dass ein Charakter selbst dann in seiner Struktur erhalten bleibt, wenn sich das Leben unter anderen Vorzeichen neu beginnen lässt. Welche Ironie: Ausgerechnet ein Verhaltensforscher schafft es letztlich nicht, sein Verhalten grundlegend zu verändern. Kürmann ist eben ängstlich und feige. Lästige Konsequenzen aus seinem Handeln will er nicht wirklich tragen.

Renate Fuhrmann lenkt die Gestalten des Stücks konsequent bis zum Punkt der überraschenden Entscheidung. Kürmann — inzwischen schwer erkrankt — sitzt stumpf und gebrochen im Rollstuhl. Plötzlich verkündet der Spielleiter, dass auch Antoinette diese Biografie-Änderung vollziehen kann. Und sie tut es ohne Umwege und Grübeleien.

Zurück zum Anfang: Diesmal verlässt sie am schicksalhaften Kennenlern-Abend nach der Party Kürmanns Haus: keine Affäre, keine Ehe, keine Scheidung. „Leben ist geschichtlich, in jedem Augenblick definitiv, es duldet keine Variante“, hat Frisch einmal gesagt. Wirklich?

Straff organisiert

Ein nicht gerade pflegeleichtes Stück, das den Zuschauer nachdenklich zurücklässt. Renate Fuhrmann sorgt für eine geschickte, straff organisierte Versuchsanordnung, die gerade in den leisen Tönen beeindruckt. Herzlicher Applaus für alle.

Aufführungen bis 19. Mai im Grenzlandtheater Aachen, Elisen-Galerie, danach in der Region. Info 0241/4746 111. Karten im Internet: www.grenzlandtheater.de.

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